Über Erfolg

Ich habe in meinem Autorenkalender eine Seite, in der ich jeden Tag zwei Kästchen bunt anmale, je nach Stimmung. Dadurch ergibt sich am Ende des Jahres ein kunterbuntes Stimmungsbild von 2020 – und es ist nicht ganz so dunkel, wie man vermuten könnte. Eine der Farben habe ich für Tage reserviert, an denen ich mich schreibtechnisch produktiv gefühlt habe.

Und dabei ist mir etwas aufgefallen: während den NaNo-Camps im April und Juli, aber auch während sehr schreibintensiver Phasen, habe ich nur das Gefühl, erfolgreich und produktiv zu sein, wenn ich mindestens 2000 Wörter am Tag schaffe. Für läppische 1000 gibt’s keinen Eintrag. In anderen Monaten reichen mir manchmal 500 Wörter am Tag, um den Stift zu zücken und den Tag als außerordentlich produktiv zu markieren.

Das bringt mich zu der Frage, was Erfolg eigentlich ist und wie wir ihn erleben.

Der Duden definiert Erfolg als positives Ergebnis einer Bemühung; Eintreten einer beabsichtigten, erstrebten Wirkung. Das trifft es im Allgemeinen ganz gut. Doch wie kommt es, dass unser Erfolgsempfinden so sehr schwankt?

Es ist abhängig von den äußeren Umständen, aber auch von uns selbst, wie so vieles. Ich werde mal beim Beispiel Schreiben bleiben.

An Tagen, die ohnehin der Schreiberei gewidmet sind – wie eben beim NaNo und den Camps – erwarte ich von mir, dass ich viel schreibe. Man hat ja ein Tagesziel, das man erreichen will. Zwar habe ich mir dieses Ziel bei beiden Camps deutlich niedriger als 50k gesetzt, doch der Ehrgeiz, möglichst viel zu schaffen, war trotzdem da. Und wenn man drei Tage am Stück 2000 Wörter geschrieben hat, erscheinen einem 500 plötzlich ziemlich mau.

An Tagen, an denen man eigentlich gar nicht weiterweiß mit dem Manuskript, wenn die Protagonisten sich schon seit Tagen anschweigen und der Autorin schmollend den Rücken zukehren; oder an Tagen, an denen die Zeit zum Schreiben völlig fehlt; da sind 500 Wörter schon eine große Hürde, die zu nehmen ein riesiger Erfolg ist.

Unsere Erwartungshaltung an uns selbst bestimmt maßgeblich, wann wir uns erfolgreich fühlen. Und die kann man beeinflussen.

In „schlechten Zeiten“ empfehle ich mir selbst und anderen, kleine Ziele zu stecken. Solche, die man auch erreichen kann. Manchmal ist es schon ein Erfolg, zwei Sätze zu schreiben oder sich ein paar Notizen zum Plot zu machen. Das Erfolgsgefühl beflügelt uns, macht uns glücklich und gibt uns Kraft – Kraft, die wir brauchen, um uns den größeren Zielen zu stellen.

Wenn man natürlich tagelang bei diesen kleinen Zielen herumdümpelt, verfliegt das Gefühl, erfolgreich zu sein, und weicht dem Wissen, dass man sich eigentlich selbst betrügt. Dann ist es an der Zeit, sich größere Ziele zu stecken, die zu erreichen man sich ein bisschen mehr anstrengen muss.

Aber wenn man eine sehr erfolgreiche Woche hinter sich hat, mit Tagen, an denen man 3000 Wörter und mehr geschrieben hat – wie soll man es dann als Erfolgserlebnis verbuchen, wenn man einmal nur 500 Wörter schafft?
Das ist schwer, denn kleine Erfolge an großen zu messen und damit zufrieden zu sein, erfordert ein gewisses inneres Gleichgewicht, das nicht leicht zu finden und zu halten ist. Eine ausgeglichene Einstellung zu sich selbst hilft sicherlich. Sich selbst auch mal einen ruhigen Tag zu gestatten.

Und Ja, ich weiß, dass das schwer ist. Ich bin selbst nicht gut darin. Wenn es drei Tage lang super läuft, verlange ich mir das auch am vierten ab. Und wenn’s nicht klappt? Habe ich ein, zwei miese Tage, an denen ich mich schreibtechnisch sehr unproduktiv und nutzlos fühle, und kann dann neu mit kleineren Zielen anfangen. Nicht aufzugeben ist hier das Wichtige. Beharrlich sein. An sich selbst glauben, oder, wenn das zu schwer ist, an die eigenen Geschichten. Schlechte Tage auch mal zulassen, denn sie kommen sowieso. Dann den Kopf freibekommen und weitermachen.

Mein erklärtes Ziel ist es, einen Roman zu veröffentlichen. Mindestens einen. Am liebsten gleich die ganze Fantasy-Trilogie, deren etwas dilettantischer Arbeitstitel Die Saga von Arvid und Enes lautet. Seit letztem November schreibe ich daran herum, überarbeite, schreibe neu und überarbeite wieder. Diesen November entsteht endlich der dritte und letzte Teil. Natürlich wäre es schön, wenn ich das alles mal veröffentlicht bekäme, und ich glaube auch daran, dass es passieren wird. Ich weiß nicht, wann, aber ich will es schaffen.

Das ist ein großes, fast unerreichbar erscheinendes Ziel, und manchmal sitze ich vor dem Computer und verzweifle an mir selber, weil ich nicht glaube, dass ich es jemals schaffen werde. Dann muss ich mir vor Augen halten, dass ich auch nie dachte, jemals Kurzgeschichten zu veröffentlichen – jemals irgendetwas zu veröffentlichen – und jetzt bin ich hier, nehme erfolgreich an Ausschreibungen teil und arbeite daran, mir einen Namen zu machen. (Ha, ha. Ich gebe mir jedenfalls größte Mühe.)

Die Kurzgeschichten machen mir Spaß und sind kleinere Erfolge, die mir den Weg zum großen Erfolg, der Romanveröffentlichung, leichter machen. Erreichte Ziele nehmen mir die Anspannung und den Druck, dem ich mich selber aussetze. Ich will immer unbedingt alles sofort haben. So funktioniert es aber nicht, und damit muss ich mich abfinden. Ich kann irre werden vor Frust oder mich geduldig Schritt für Schritt vorarbeiten. Meine Entscheidung.

Setzen wir uns selbst unter Druck, machen wir uns nur unnötigen Stress. Schreiben soll Spaß machen und nicht unsere letzten Atemzüge fordern, obwohl es sich manchmal so anfühlt. Stress macht krank, und es ist wichtig, darauf zu achten, sich selbst nicht zu viel Anspannung zuzumuten.

Wir selbst beschließen, dieses oder jenes Ziel anzustreben. Gerade was das Schreiben angeht, sind wir, solange wir keine Deadline haben, nur uns selbst Rechenschaft schuldig. Wir können uns auch selbst eine Pause verordnen, oder uns eine langsamere Gangart zugestehen. Wer treibt uns denn außer uns selbst?

Das heißt nicht, dass man allen Problemen aus dem Weg gehen sollte, weil man vielleicht nicht sofort Erfolge erzielt. Das größte Erfolgserlebnis ist jenes, das man schon fast aufgegeben hatte, für das man sich abrackert und Blut und Tränen vergießt. Natürlich ist das positive Gefühl stärker, wenn man ein Manuskript beendet oder endlich diese verflixte Szene bezwingt, als wenn man „einfach nur“ 500 Wörter schreibt.

Doch es gibt Tage, und die lassen sich nicht wegreden, also müssen wir uns mit ihnen arrangieren, an denen 500 Wörter oder weniger schwer genug sind. Wenn dieses verhältnismäßig kleine Ziel uns ein Lächeln auf das Gesicht zaubern kann, weil wir wenigstens eine kleine Etappe geschafft, uns einen kleinen Erfolg erkämpft haben, umso besser. Kleinvieh macht ja bekanntlich auch Mist.

Wenn man sich jetzt natürlich jeden Tag zurücklehnt und sagt Na, dann läuft’s heute halt nicht so, schreib ich halt nur drei Sätze und bin zufrieden – dann kommt man nicht wirklich voran, oder eben nur sehr, sehr langsam. Völlig in Ordnung, vorausgesetzt, man ist dann wirklich zufrieden mit sich. Ist das jedoch nicht der Fall, bleibt irgendwann nichts, als die Zähne zusammenzubeißen und für das Erfolgsgefühl hart zu arbeiten, bis man das nächstgrößere Ziel erreicht hat.

Was also ist das Fazit dieses Textes? Es ist ganz einfach.

Manchmal muss man nett zu sich sein und sich eine Pause gönnen, oder ein kleineres Ziel. Manchmal muss man sich selbst antreiben, um zufrieden zu sein.

Wann welche der Optionen angebracht ist, muss am Ende jeder selber entscheiden. Es gibt sicher auch immer wieder Tage, an denen das erhoffte Erfolgserlebnis ausbleibt, an denen man einfach unzufrieden mit sich selbst ist und nichts geht. Vielleicht kann man sich dann für den nächsten Tag ein kleines Ziel setzen: es besser zu machen. Sei es durch mehr zusammengebissene Zähne und erkämpfte Wörter, sei es durch eine entspanntere Haltung zu einem nicht ganz so hohen Wordcount. Hauptsache, am Ende des Tages kann man sagen Das war in Ordnung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s