Bücher des Monats November

A Natural History of Dragons (Marie Brennan)

Deutscher Titel: Die Naturgeschichte der Drachen
Erscheinungsdatum: 2014
Genre: Fantasy

Was für ein zauberhaftes Buch!
Es ist der Auftakt zu einer fünfteiligen Serie. Die Naturforscherin Lady Isabella Trent schreibt ihre Memoiren – über ihr Leben mit und für Drachen! In diesem Buch beschreibt sie, wie sie als Kind ihre Faszination für Drachen und Naturwissenschaften entdeckte. Die Welt, in der sie lebt, ähnelt unserem Viktorianischen Zeitalter mit allen Wundern und Miseren und viel, viel mehr – na, Drachen eben.

Lady Trent sieht sich in ihrem Forscherdrang vor allem durch ihr Geschlecht gehemmt. Von einer jungen Dame wird erwartet, dass sie Pferde liebt, vielleicht Aquarelle malt, sich mit Mode auseinandersetzt und brav heiratet, um ihrem Gatten Kinder zu schenken. Isabella hat das Glück, einen Mann zu finden, der ihre Faszination für Drachen teilt und ihr ermöglicht, an einer Expedition teilzunehmen. In einem abgelegenen Bergdorf erforschen sie gemeinsam die dort lebende Drachenpopulation, treffen auf uralte Mythen, Schmuggler und eine große Verschwörung, ganz zu schweigen von der Gefahr, bei ihren Unternehmungen von den Forschungsobjekten gefressen zu werden.

Man möchte beim Lesen selber das Korsett schnüren, Regenschirm und Reifröcke einpacken und losmarschieren, um Drachen zu suchen und zu erforschen. Trotz einfacher Wortwahl ist das Buch extrem bildgewaltig und wirklich märchenhaft. Man träumt sich als Leser ganz tief in diese faszinierende Welt hinein und findet nur schwer wieder hinaus.

Dazu gibt es mehrere Illustrationen von – wie könnte es anders sein – Drachen, die einfach nur atemberaubend sind.
Ich freue mich jetzt schon unbändig auf die nächsten Teile dieser grandiosen Reihe!

Dornenthron (Boris Koch)

Erscheinungsdatum: 2020
Genre: Fantasy

Beworben als „düstere Neuinterpretation von Dornröschen“ hat dieses Buch eigentlich alles, was ein modernes, gern auch dunkles Märchen braucht.

Der Bastard des Königs will Kaiser werden, um erfahrenes Unrecht zu sühnen. Ein Gaukler kauft Erstgeborene für einen schrecklichen Zweck. Die Schwester eines verurteilten Mörders will Rache. Bruder und Schwester fliehen vor ihrer bösen Stiefmutter und ihrem grausamen Vater. Klingt schonmal märchenhaft.

Das uralte Kaiserreich ist vor Jahrhunderten in dreizehn Königreiche zerbrochen. In der Hauptstadt Ycena liegt die Prinzessin in ihrem von Dornen überwucherten Schloss und träumt, und wer sie wachküsst, erhält ihre Hand…

Der Leser begleitet den Müllersgehilfen Ukalion, den Bastard des Königs, auf seiner Reise. Er will Rache nehmen für den Tod seiner Geliebten, Kaiser werden, um mächtiger zu sein als der König. Zu diesem Zweck reist er nach Ycena, um die Dornenhecke zu überwinden und die Kaisertochter zu wecken. Tyras illegitimer Sohn wurde von dessen Vater an einen geheimnisvollen Fremden verkauft. Um ihn wiederzubekommen, nimmt sie dessen Fährte auf – und die Spur führt sie nach Ycena. Perle und ihr Bruder Ion sollen von ihrem Vater und dessen neuer Frau in die Leibeigenschaft verkauft werden. Sie fliehen in den Wilden Wald, um ihrem Schicksal zu entrinnen – und schwören Rache. Und die Schwester des gehenkten Mörders Grigo Blutmond beschließt, die Kaiserstochter zu wecken, um selbst Kaiserin zu werden und ihren Bruder zu rächen.

So zieht es früher oder später alle Figuren in die mysteriöse Stadt Ycena, wo tagsüber Menschen nach verlorenen Reichtümern suchen und nachts Albträume durch die Straßen wandern.

Was die idealen Voraussetzungen für eine Adaption des Grimm’schen Märchens sein könnte, besteht leider viel zu sehr aus langatmigen Beschreibungen der Natur, der Welt und der Geschichte der Königreiche. Immer wieder halten Charaktere lange Monologe, um zu erklären, wie diese oder jene Eigenheit der Welt zustande kam. Und die Welt ist ja wirklich sehr detailliert geplant! Nur leider ging neben all dem Weltenbau die Handlung etwas flöten.
Dazu kommen Namen, die ich mir nicht merken konnte, weil sie so abstrus waren, und die für Märchen übliche, hier aber irritierende Tatsache, dass einfach alle Menschen so unfassbar hilfreich sind. Es fehlten nur noch sprechende Tiere… Die Welt blieb trotz langer Beschreibungen blass und die Figuren weit von mir entfernt.
Und dann kam das Ende, und es stellte sich heraus: dieses Buch ist der erste Teil einer Reihe. Da hätte ich mir wesentlich früher einen Hinweis gewünscht!

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Dornenthron zwar vage mehrere Märchen neu interpretiert, aber dabei eine unfassbar detaillierte Welt blass erscheinen lässt. Es fehlt an Spannung und überraschenden Wendungen. Wer jedoch auf lange Beschreibungen steht und seine Freude an ausführlich dargelegtem Weltenbau hat, dem ist dieses Buch definitiv zu empfehlen!

Schwertgesang (Bernard Cornwell)

Originaltitel: Sword Song
Erscheinungsdatum: 2007
Genre: historische Fantasy

Der vierte Teil der hochbesungenen Uhtred-Saga bleibt weit hinter meinen Erwartungen zurück.

Nach drei Vorgängerromanen sind Atmosphäre und der Erzählstil von Anfang an vertraut. Herr Uhtred von Bebbanburg ist alt und gebrechlich – und berichtet von seinen Heldentaten als junger Mann, von der Zeit, da er König Alfred von Wessex diente. In diesem Teil erhält er die Aufgabe, die Stadt Lundene für seinen unfähigen Cousin Aethelred von den Dänen zurückzuerobern. Obwohl die Nordmänner ihn mit dem Versprechen eines Königreiches in Versuchung führen, bleibt Uhtred seinem Schwur an Alfred treu und greift Lundene an, um die Stadt seinem Cousin zu übergeben. Der macht einen verhängnisvollen Fehler und seine Ehefrau Aethelfled, die Uhtred seit ihrer Kindheit kennt und liebt wie ein eigenes Kind, gerät in Feindeshand…

Wie gewohnt bleiben die Charaktere alle sehr distanziert, eben aus der Sicht eines alten Mannes beschrieben. Die ersten drei Romane waren dennoch spannend zu lesen, wie eine gute Geschichtsdokumentation im Fernsehen. Dieses Buch jedoch liest sich eher wie ein altes – und nicht besonders gutes – Heldenepos. Es scheint nichts Neues zu geschehen. Uhtred hasst Alfred und dient ihm dennoch. Er sehnt sich nach Bebbanburg und bleibt doch in Wessex. Er kämpft im Schildwall und drückt seinen Feinden Waffen in die Hand, bevor er sie tötet, damit sie in Odins Totenhalle einziehen können, er schlägt sich und überlistet Gegner und es passiert nichts Aufregendes. Der Leser bekommt das Gefühl, alles sei schonmal passiert, nur vielleicht mit anderen Namen. Immer wieder wird die Handlung unterbrochen, um zu erklären, wie ein Schildwall gebildet wird und warum eine Saxe dort die bessere Wahl ist als ein Langschwert… Wenn ich das noch ein einziges Mal lesen muss, bekomme ich einen Anfall.

Davon abgesehen ist es ein angenehmes Buch, und ich hoffe, dass der nächste Teil wieder besser ist.

The Electric State (Simon Stålenhag)

Originaltitel: Passagen
Erscheinungsdatum: 2017
Genre: Graphic Novel

Nordamerika, 1997. Nicht unser 1997, wohlgemerkt. Der Drohnenkrieg ist vorbei, die Zerstörung bleibt.
Ein Mädchen ist auf der Reise durch die Reste der Zivilisation. Ihr Begleiter ist ein kleiner, gelber Roboter mit dem Geist eines Kindes. Das Ziel bleibt bis zur letzten Seite offen. Ein Traum? Freiheit? Etwas ganz anderes?

Die Menschen sind tot oder süchtig nach einer VR-Welt. Wer weder das eine noch das andere ist, ist gleichgültig geworden. Das Mädchen erzählt scheinbar zusammenhanglos von ihrer Kindheit, vom Leben mit einer drogenabhängigen Mutter, bei den Großeltern, später in einer Pflegefamilie. Erzählt auch von ihrer Reise durch Nordamerika. Der Erzählstil ist verwirrend, schafft mehr Fragen, als sie zu beantworten, und zieht den Leser immer tiefer in diese surreale, trostlose Welt.

Die Bilder sind großartig. Auf einigen kann man das statische Rauschen hören wie den Wind. Die vermittelte Atmosphäre ist düster, dystopisch, ein bisschen nostalgisch. Die Menschheit auf halbem Weg in die Hölle, begleitet von bedrohlich glühenden Neurograph-Türmen und toten Robotern, die so sehr lächeln, dass es gruselig ist.
Das Ende? Bleibt offen. Hinterlässt den Leser besorgt und tief in Gedanken versunken.
Auf eine beklemmende, faszinierende Weise ist dieses Buch ziemlich abgefuckt und absolut fesselnd. Ganz grandios.

Ist das gesund oder kann das weg?: Wirklich ALLES über Nahrungsergänzungsmittel (Christine Gitter)

Erscheinungsdatum: 2020
Genre: Ratgeber

Dieses Buch befasst sich mit den allgegenwärtigen Nahrungsergänzungsmitteln und deren (Un-)Wirksamkeit sowie Sinn und Unsinn von Pillen aus der Drogerie. Die Autorin ist Apothekerin, also durchaus in der Lage, wissenschaftlich begründete und inhaltlich korrekte Aussagen zu machen

Eingangs wird deutlich der Unterschied zwischen Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel erklärt. Es folgen Antworten auf Fragen wie „Hilft Vitamin C gegen Erkältungen?“ und eine anschauliche Beschreibung der möglichen Wechselwirkungen von Arzneimitteln und Nahrungsergänzungsmitteln bzw. zwischen Arzneimittel und Mikronährstoffen. Anschließend gibt es eine Übersicht über die einzelnen Mikronährstoffe, ihre Aufgabe im Körper und Möglichkeiten, sie zu sich zu nehmen – ohne Pillen. Den Abschluss macht ein Kapitel über Statistik, beschönigt ausgelegte Studien und sichere Informationsbeschaffung aus dem Internet.

Die Sprache ist leicht verständlich, für meinen Geschmack gelegentlich zu lässig oder zu reißerisch, und die Fröhlichkeit in den Sätzen wirkt leicht manisch. Aber der Leser bekommt auch als absoluter Laie einen fundierten Einblick in die Welt der Nahrungsergänzungsmittel, was ich jedem, der in der Drogerie vor dem Regal mit den bunten und überteuerten Pillen stehen bleibt, wärmstens empfehle!

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