Die Welt verändern

Literatur. Belletristik. Das klingt so hochgestochen. Nach etwas ganz Besonderem, aber auch nach etwas ziemlich Trockenem. Nüchtern. Ernst.

Mein Vater hätte gern, dass ich „echte Literatur“ schreibe statt Fantasy zu Unterhaltungszwecken. Etwas Nobelpreiswürdiges, oder etwas, womit ich wenigstens den deutschen Literaturpreis gewinne. (Ich sage damit nicht, mein Vater sei nicht stolz auf jede veröffentlichte Kurzgeschichte oder auf den Roman, den ich eines Tages veröffentlichen werde. Ich sage nur, er hätte gern.)

„Echte Literatur“. Muss das immer ernst sein, weltbewegend, weltverändernd? Muss es immer um die Kernthemen der menschlichen Existenz gehen? Darf man das immer erwarten?

Bücher haben eine Message. Immer. Selbst, wenn es „nur“ um Unterhaltung geht – dadurch, wie die Charaktere sich verhalten, was sie denken und sagen, erleben und tun, durch die geschriebene Welt und die Präsentation und Beurteilung derselben im Buch, wird etwas transportiert. Gute wie schlechte Werte, Probleme wie Lösungen.

Eine Geschichte soll bewegen, und dazu gehört, dass sie etwas aussagt. Das muss nicht immer die Essenz zwischenmenschlicher Beziehungen sein. Es muss nicht immer neu sein, nie dagewesen, große Wellen schlagen.

Natürlich möchte ich mit meinen Geschichten etwas aussagen. Aber es sind die kleinen Erkenntnisse: Freundschaft, Liebe, Zusammenhalt, Gleichberechtigung, Mut… Im Vordergrund jedoch steht die Unterhaltung.
Deswegen schäme ich mich nicht – im Gegenteil. Ich mag den Gedanken, meinen Lesern eine Zuflucht vor der Realität bieten zu können. Das ist nicht dasselbe wie der Anspruch, mit meinen Geschichten die Welt zu verändern, so viel steht fest.

Jedenfalls nicht die ganze, die große Welt. Vielleicht gelingt es mir, die private Welt einer einzelnen Person zu verändern, für einen gewissen Zeitraum zu verbessern, indem ich diese Person zum Lächeln bringe, weil sie sich vollständig in meiner Geschichte verliert. Vielleicht kann ich einen Raum schaffen, an dem man sich erholen kann.

Denn ebenso, wie die „echte Literatur“ wichtig ist, um Menschen zum Nachdenken zu bringen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen, ist es von Bedeutung, den Menschen auch mal eine Pause zu gönnen. Niemand kann den ganzen Tag auf Hochtouren laufen. Man braucht einen Augenblick, um abzuschalten, runterzukommen, die Welt mal Welt sein zu lassen. Wenn ich meinen Lesern diesen Augenblick verschaffen kann, ist mir das Weltveränderung genug.

Natürlich ist man als Autor trotzdem nie frei davon, etwas zu vermitteln. Wenn ich eine Geschichte schreibe und die Hauptfigur sexistisch, rassistisch und allgemein widerwärtig mache, ohne, dass diese Haltung reflektiert und kritisch beurteilt wird – indem so eine Einstellung im schlimmsten Fall noch als bewundernswert dargestellt wird – dann transportiere ich damit etwas ganz Schreckliches. Dessen muss ich mir bewusst sein.
Nun wird man sich vermutlich nicht hinstellen und so einen Protagonisten entwerfen. Aber auch Kleinigkeiten sind wichtig. Wenn ich ein Buch über eine Frau schreibe, die sehr selbstbestimmt und stark ist, ist das schonmal ein guter Anfang. Wenn ich dieser Frau dann aber einen Mann zur Seite stelle, dem sie sich bedingungslos unterwirft und sich gut dabei fühlt, weil das in Wahrheit ihr innigster Wunsch ist, was habe ich dann ausgesagt?

Wenn man schreibt, muss man sich bewusst sein, dass man eine Botschaft transportiert. Die muss nicht unbedingt im Vordergrund stehen, wenn ich es nicht darauf anlege, aber der Leser wird sie sehen und darauf reagieren. Selbst wenn es sich „nur“ um eine kleine Kurzgeschichte handelt, muss ich mir – zumindest kurz! – Gedanken machen, was für eine Grundeinstellung ich damit rüberbringe.

Kurz gesagt: Was ist die Moral? Denn es gibt immer eine, auch, wenn sie nicht mit Absicht hineingeschrieben wurde.

Und wenn ich mir dessen bewusst bin, dann ist auf einmal alles „echte Literatur“. Vielleicht immer noch nicht nobelpreiswürdig. Vielleicht immer noch nicht dazu geeignet, die ganze Welt zu verändern.
Aber das möchte ich gar nicht. Ich gebe mich mit den kleinen, privaten Welten zufrieden.

Wie seht ihr das? Wie wichtig ist für euch die Botschaft hinter Geschichten?

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