Bei Verstand bleiben

Diese Zeit verlangt einem viel ab. Jedem, ohne Ausnahme. Die kopflose Panik der ersten Wochen und Monate ist längst verflogen, hat Platz gemacht für – was? Eine diffuse Angst, gepaart mit Stumpfsinn, Resignation und Hoffnungslosigkeit?

Jeder Tag fühlt sich gleich an. Ich muss keine Angst vor Arbeitslosigkeit haben, ich bin Krankenschwester, Glück und Unglück zugleich. Meine Berufsgruppe wurde noch sie so verehrt und verachtet wie während dieser Pandemie. Und wo ist der versprochene Bonus?
Anderswo, schließlich muss man die großen Konzerne retten und die Bundesliga am Laufen halten. Ist ja auch wichtig. Die Pflege hat einen Lavendelbusch bekommen. Auch nett.

Es ist eine Zeit der Unverhältnismäßigkeiten. Kleine Unternehmen bangen um ihre Zukunft, während Fluggesellschaften eine Finanzspritze nach der anderen in ihren metallenen Hintern gerammt kriegen. Prioritätensetzung? Völlig schief.

Manchmal habe ich das Gefühl, den Verstand zu verlieren. Wie soll man nicht verrückt werden in dieser Welt? Alles steht Kopf, Panikmache auf allen Kanälen, dazu der reale Wahnsinn um mich her. Es ist zu viel. Da hilft auch das manische Grinsen der Quizshowmoderatoren nichts, die vor leeren Rängen so tun, als sei die Welt in bester Ordnung. Dabei ist nichts in Ordnung.

Ich vermisse viele Dinge. Meine Familie, meine Freunde. Die Besucher bei uns auf Station, die mich früher oft so wütend gemacht haben. Einen entspannten Stadtbummel, ohne überall verschüchterte Augen über Masken zu sehen. Ich möchte mich mal wieder herausputzen und tanzen gehen. Mir fehlen Festivals und Konzerte. Ich sehne mich nach Unbeschwertheit.
Manchmal würde mir auch ein elektrischer Viehtreiber reichen, für die Leute, die nach einem ganzen Jahr immer noch nicht kapiert haben, dass die Maske auch die Nase bedecken muss.
Wie soll man da nicht den Verstand verlieren?

Ich schreibe und lese. Mein Mann und ich sind daran gewöhnt, viel Zeit auf sehr engem Raum zu verbringen – das hilft auch. Ich habe halbwegs Nähen gelernt und mir Anfang dieses Jahres eine Kamera gekauft, und jetzt nähere ich mich etwas dilettantisch, aber mit großer Begeisterung der Kunst der Fotografie. Ich höre dieselben Songs in Dauerschleife rauf und runter in der Hoffnung, dass irgendwann irgendetwas besser wird. Bald, bitte.
Die Situation raubt mir den letzten Nerv.

Wie wohl vielen anderen da draußen. Es ist wichtig, sich jetzt nicht aufzugeben, nicht hängen zu lassen. Tut etwas, das sich gut anfühlt. Sei es etwas Ruhiges wie Yoga oder Meditation, sei es eine in der Dusche geschmetterte Arie, sei es ein neues Hobby – Hauptsache, es tut gut. Entdeckt neue Sachen, macht lange Spaziergänge, genießt die Natur und lasst euch nur nicht unterkriegen.
Himmel, ich kann diese Sätze nicht mehr hören.

Aber genug gejammert jetzt. Ich habe gestern meine zweite Impfdosis erhalten und enttäuschenderweise ist mir noch kein dritter Arm gewachsen. Schade, den hätte ich gut gebrauchen können. Vielleicht hilft’s ja doch nur gegen das C-Virus.
Über den internationalen Kampf um Impfstoffe darf ich gar nicht nachdenken.

Immerhin geht es voran. Langsam, ganz langsam, wie eine Schnecke im Winter, aber es geht voran. Eines Tages wird die Pandemie besiegt sein. Ich bin gespannt, was dann als Normal gelten wird.
Wir müssen nur durchhalten, ein Jahr noch, vielleicht anderthalb, bitte nicht einen Tag länger.

Was hilft euch, in diesen schwierigen Zeiten bei Verstand zu bleiben?

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