Gegen den Selbstzweifel

„Darf ich das lesen?“
„Zeigst du mir mal, was du schreibst?“
Wie oft haben meine Eltern mir diese Fragen gestellt? Wohl öfter, als ich zählen kann. Mein Vater fragt bis heute immer mal wieder, ob er denn lesen könnte, was ich mir so zusammenschreibe. Die Antwort darauf fällt mir schwer.
Ja, ich möchte, dass Leute meine Geschichten lesen. Die Kurzgeschichten ebenso wie die Romane. Ich schreibe, damit das Geschriebene Leser findet. Ganz einfach eigentlich.
Wäre da nicht dieses kleine, fiese Monster namens Selbstzweifel.

Ist das überhaupt gut genug? Bestimmt gefällt es niemandem. Wenn ich das irgendwem zeige, lachen die mich doch aus. Ich habe gar kein Recht, die Zeit von Anderen mit meinem Murks zu verschwenden. Bestimmt habe ich ohnehin ganz viele blöde Fehler gemacht.

Jetzt mal ehrlich…

Ist das überhaupt gut genug? – Gegenfrage: Warum sollte es nicht gut genug sein? Nur, weil die Verlage sich derzeit nicht darum reißen? Weil es nicht von allen Seiten Lob und Anerkennung hagelt? Das könnte daran liegen, dass ich meine Texte kaum einmal herzeige… Natürlich kann man selber bis zu einem gewissen Grad beurteilen, ob eine Geschichte gut ist oder nicht. Schreiben – liegen lassen – mit genügend Abstand erneut ansehen. Dann sieht man die Fehler, die man gemacht hat, findet Stellen, die nicht funktionieren, und kann sich Gedanken machen, ob alles in sich stimmig ist. Trotzdem wird man irgendwann betriebsblind, und außerdem kann ich ja auch immer nur für mich sprechen. Ja, ich finde das gut, was ich geschrieben habe. Klar. Wenn ich’s nicht gut fände, hätte ich keinen Dreiteiler daraus gemacht, oder? Nimm das, Selbstzweifel! Ich bin schonmal mein erster Fan!
Generell gilt: nur, wenn man seine Texte lesen lässt, erfährt man, ob andere sie gut finden.

Bestimmt gefällt es niemandem. – So ein Unsinn. Mehr lässt sich dazu kaum sagen. Vielleicht, unter ganz besonderen Umständen, wenn der Text inhaltlich unzusammenhängend ist, Rechtschreibung und Grammatik vollständig fehlen und außerdem keine oder eine abstoßende Botschaft transportiert wird – vielleicht gefällt er dann wirklich niemandem. Aber seien wir doch mal ehrlich – wie wahrscheinlich ist das?
Wenn mein Text mir gefällt, und ich unterstelle mir doch einen gewissen Geschmack, dann finden sich auch andere, die ihn mögen.
Nur, wenn man seine Texte lesen lässt, können sie jemandem gefallen.

Wenn ich das irgendwem zeige, lachen die mich doch aus. – Die Menschen, die meistens fragen „Kann ich das mal lesen?“ sind keine Fremden. Es sind interessierte Personen aus unserem Familien- und Bekanntenkreis. Sie haben keinen Grund, uns auszulachen, weil ihnen in aller Regel daran gelegen ist, uns zu motivieren. Natürlich gibt es auch Ausnahmen von der Regel, aber wenn ich einer Person vertraue und sie mich fragt, ob sie „mal lesen“ kann, bin ich relativ sicher, dass sie das nicht tut, um mich bloßzustellen. Warum sollte sie?
Und meinem ärgsten Feind oder jemandem, der dafür bekannt ist, sich das Maul über andere zu zerreißen, muss ich meine unveröffentlichten Texte nicht geben. Ich bestimme vorerst selbst, wer lesen darf und wer nicht. Ein guter Mensch, der aus ehrlichem Interesse fragt, wird konstruktive Kritik äußern, und das bringt uns nicht nur weiter – es boostet auch noch das Selbstbewusstsein!
Nur, wenn man seine Texte lesen lässt… Okay, ich glaube, die Botschaft ist angekommen.

Ich habe gar kein Recht, die Zeit von Anderen mit meinem Murks zu verschwenden. – So, Selbstzweifel, das ist wirklich bescheuert. Denn die Menschen, die danach fragen, wollen ihre Zeit ja mit meinen Texten verbringen. Sonst hätten sie nicht gefragt.
Selbiges gilt für Testleser, die man online findet. Man zwingt diese Leute nicht, die eigenen Texte zu lesen. Sie tun es freiwillig. Und abtreten, Selbstzweifel!

Bestimmt habe ich ohnehin ganz viele blöde Fehler gemacht. – Na und wenn schon. Mein Ziel ist es, mich zu verbessern, und ich bin sicher, dieses Ziel teile ich mit ganz, ganz vielen Hobbyautoren. Und wie soll man sich verbessern, wenn man sich nie aufzeigen lässt, wo es Verbesserungspotential gibt? Klar tut Kritik erstmal weh, und man muss ein paar Mal tief durchatmen. Klar findet man manche Anmerkungen auch mal ungerechtfertigt und ist anderer Meinung als der (Test-)Leser. Das ist normal. Niemand lässt sich gern kritisieren.
Eigentlich ist der Wunsch doch, den Text zurückzubekommen mit den Worten „Wow! Das ist unglaublich! Nie dagewesen! Einfach perfekt!“ Weil das aber ziemlich unwahrscheinlich ist, muss man lernen, mit konstruktiver (!) Kritik klarzukommen. In aller Regel hilft durchatmen, zur Ruhe kommen und mit etwas Abstand nochmal darüber nachdenken. Und dann kann man sich richtig weiterentwickeln.
Nur, wenn man seine Texte lesen lässt, kann man konstruktives Feedback bekommen.

Trotzdem ist es immer wieder eine Überwindung, wenn ich meine Texte oder auch nur Ausschnitte daraus jemandem präsentiere.
Bei den Kurzgeschichten, die ich in Anthologien veröffentlich habe, gibt es diese Hemmungen nicht. Die sind ja sozusagen von Profis abgesegnet, da hat ein Verlag entschieden, dass sie gut sind. Der ganze unveröffentlichte Rest hingegen…
Da muss man sich erstmal überwinden. Es fällt mir schwer. Ich habe Angst, meinen Leser zu enttäuschen. Angst, dass es ihm/ihr nicht gefällt. Angst, mich lächerlich zu machen, obwohl ich ziemlich genau weiß, dass das nicht passieren wird. Trotzdem ist dieses Gefühl da, der Selbstzweifel sitzt auf meiner Schulter und flüstert mir böse Sachen ins Ohr.
Ich versuche, dagegen anzukommen, indem ich mir immer und immer wieder sage: Nur, wenn man seine Texte lesen lässt…

Der erste Teil meiner Trilogie liegt momentan bei Testlesern. Ich war schrecklich nervös, doch als die ersten Rückmeldungen kamen, zeigte sich, dass ich es nicht hätte sein müssen. Diese wunderbaren Menschen, die sich Zeit für meinen Text nehmen, wollen mir nichts Böses. Ganz im Gegenteil!

Wir entwickeln uns weiter, und zwar, indem wir mit anderen Menschen interagieren. Dasselbe gilt für unsere Texte.

Wie handhabt ihr das? Zeigt ihr eure Texte gern her oder habt ihr Hemmungen?

5 Gedanken zu “Gegen den Selbstzweifel

  1. Das ist doch sehr schön, wenn deine Familie deine Texte lesen möchte! 🙂 Bei mir ist das leider selten so, weil viele in meiner Familie einfach nicht gerne lesen und die anderen lieber darauf warten, es eines Tages in veröffentlichter Form zu lesen. Während dem Schreiben lesen es vor allem schreibende Freundinnen und meine Schreibpartnerin, was mir enorm hilft! Aber ich bin auch sehr gespannt, wie es mal wird, wenn es an Testleser*innen geht – schön, dass du schon gute Erfahrungen damit gemacht hast 🙂

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    1. Das ist wundervoll, wie sehr meine Familie mich unterstützt, und ich bin sehr dankbar dafür. Gleichzeitig habe ich jedes Mal die Sorge, dass ihnen nicht gefällt, was ich schreibe. Das ist Unsinn und ich weiß das, aber manchmal ist es nicht so einfach mit den rationalen Gedanken.
      Schade, dass da in deiner Familie nicht so viel Interesse besteht… Aber dafür werden sie umso begeisterter sein, wenn du ihnen das veröffentlichte Buch vor die Nase legen kannst!
      Schreibfreund*innen sind etwas wunderbares. Ich wüsste nicht, wo ich ohne sie heute stünde. Wie schön, dass du da auch ein Netzwerk hast, das dich unterstützt ❤

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  2. „Warum sollte es nicht gut genug sein? Nur, weil die Verlage sich derzeit nicht darum reißen? Weil es nicht von allen Seiten Lob und Anerkennung hagelt?“ Diesen Satz bzw. deinen ganzen Blogbeitrag fühle ich so sehr!
    Ich habe extreme Probleme mit meinem Selbstwertgefühl und das wirkt sich auch darauf aus, wie ich mit mir als Autorin und meinen Geschichten umgehe. Das Problem sehe ich nicht mal so sehr darin, es anderen zu zeigen. Ich habe eher ein Problem damit, alles zu zeigen. Also hier mal ein paar Kapitel, kein Problem. Aber das Buch auf Amazon veröffentlichen? Nope. Das bereitet mir mehr Angst als Vorfreude und meine Meinung nach sollte die Angst vor Ablehnung, Zurückweisung, fehlende Anerkennung, Bestätigung, Lob oder Shitstorms und beleidigende Rezis nicht größer sein, als die Vorfreude, endlich all die harte Arbeit und sein Buchbaby zu veröffentlichen. Ich glaube Selbstzweifel rühren auch im Vertrauen, welches man in sich selbst und seine Fähigkeiten hat oder eben nicht hat. Und das zu etablieren und aufzuarbeiten ist ein Prozess 🙂

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    1. Oh, das kann ich so gut nachvollziehen… Ein Buch selbst zu verlegen, würde ich mich wohl auch nicht trauen – vorerst jedenfalls. Bis ich mich sicherer mit mir selber fühle.
      Es ist schade, dass man heutzutage so viel Angst vor negativen Reaktionen im Netz haben muss. Die gute alte Anonymität macht es einfach, unfreundlich, unsachlich oder schlichtweg gemein zu sein. Dass dabei Gefühle verletzt werden, ist solchen Menschen oft nicht klar. Es wäre wirklich schön, wenn auch negative Bewertungen versuchen würden, konstruktiv zu bleiben. Natürlich macht es mehr Spaß, einen Verriss zu schreiben, das will ich ja gar nicht bestreiten, aber für den/die Autor*in ist konstruktive Kritik einfach viel besser und am Ende haben da dann ja auch beide Seiten was davon.
      Selbstvertrauen aufzubauen ist schwierig, aber bestimmt nicht unmöglich. Sag Bescheid, wenn du einen Weg gefunden hast 😉
      Ich denke, auch da helfen kleine Schritte. Wenn man immer wieder kleinere Erfolge feiern kann, wird man irgendwann sicherer und findet Vertrauen in die eigene Schreibfähigkeit. Zu diesem Zweck kann ich Ausschreibungen für Anthologien wirklich wärmstens empfehlen.
      Ich wünsche dir, dass du deinen Weg zu mehr Selbstvertrauen findest! ❤

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      1. Dankeschön! Ja genau das denke ich auch und das mit dem mit sich selbst sicher fühlen finde ich ebenso wichtig für eine Veröffentlichung! 🙂
        Danke ich denke auch das kleine Erfolge zielsicherer sind! Bei Anthologien will ich auch mal mitmachen, danke!

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