Erzählzeit vs. erzählte Zeit

Bücher sind schon etwas Besonderes. Man kann problemlos eine Handlung in ihnen finden, die sich über Jahrhunderte erstreckt, oder aber nur über wenige Stunden, und trotzdem findet beides zwischen zwei Buchdeckeln Platz. Für die wenigen Stunden scheint das viel zu sein, für die Jahrhunderte eher wenig, und doch ist es möglich.
Um das zu verstehen, muss man sich mit zwei Begrifflichkeiten auseinandersetzen: Erzählzeit und erzählte Zeit. Was erstmal sehr ähnlich klingt, bezeichnet doch zwei völlig verschiedene Dinge.

Erzählzeit ist die Zeit, die man braucht, um einen Film zu schauen oder ein Buch zu lesen bzw. vorzulesen. Die erzählte Zeit hingegen ist jene Zeit, die in dem Roman oder Film abgedeckt, also erzählt, wird.
Die beiden stehen eng miteinander im Zusammenhang, denn das Verhältnis von Erzählzeit zu erzählter Zeit bestimmt maßgeblich die Erzählgeschwindigkeit. Jede*r Autor*in sollte eine bestimmte Erzählgeschwindigkeit anstreben, die dem Genre und den Handlungen im Roman entspricht. Kampfszenen werden schnell langweilig, wenn erstmal in aller Ruhe und bis ins größte Detail beschrieben wird, wie ein Helm verziert ist; und es wird keine rechte Romantik aufkommen, wenn die Szene mit dem ersten Kuss gehetzt wirkt, weil die Zeit nicht gedehnt wird.

Wie funktioniert das also?

Wenn erzählte Zeit und Erzählzeit gleichlang sind, spricht man von Zeitdeckung. Das ist bei Dialogen der Fall – wenn man einen Dialog vorliest, braucht man dafür recht genau so lange, wie man bräuchte, wenn man ihn ohne Romanvorlage spräche. Zeitdeckung sorgt für ein ruhiges, gleichmäßiges Erzähltempo, bei dem der/die Leser*in der Handlung gut folgen kann.

Das ist natürlich nicht immer der Sinn. Manchmal möchte man die Geschehnisse noch ein bisschen näher an die Leserschaft bringen, noch intensiver machen, beispielsweise bei einem romantischen Kuss im Sonnenuntergang. Dafür eignet sich die Zeitdehnung, quasi die Zeitlupe des Romans. Hierbei ist die erzählte Zeit kürzer als die Erzählzeit, ein einzelner Moment kann also auf mehr Erzählzeit ausgedehnt werden. Natürlich findet das nicht nur bei Küssen Anwendung, sondern auch bei inneren Monologen und detaillierten Beschreibungen. Der/die Protagonist*in mag mit einem Blick erfassen, in welch baufälligem Zustand das Haus ist, doch dies den Lesern zu beschreiben, dauert länger. Erzählte Zeit wird also gedehnt, während erzählt wird, wie schief das Haus ist, dass Fensterscheiben eingeschlagen sind, Efeu am Gemäuer hochrankt und die Tür schief in den Angeln hängt.

Das Gegenteil ist selbstverständlich auch möglich. Von Zeitraffung spricht man, wenn die Erzählzeit kürzer ist als die erzählte Zeit. Ein beliebtes Mittel, um Kampf- und Actionszenen mehr Schwung zu verpassen, denn selbstverständlich geht es schneller, den Satz Ich rannte bis zum Ende der Straße und schlitterte um die Ecke zu lesen als tatsächlich eine Straße entlangzurennen. Man kann so weit gehen, ganze (unwichtige) Zeitabschnitte zu überspringen, beispielsweise, wenn man die Charaktere auf eine lange Reise schickt. Niemand möchte lesen, dass Frodo und die Gefährten jeden Morgen aufstehen und ihre Schuhe zuschnüren. Die berühmte Reise aus Tolkiens Romanen umfasst über 13 Monate erzählte Zeit, von den Jahren, die Frodo vorher mit dem Ring im Auenland verbringt, und den vier Jahren, bevor er nach dessen Zerstörung in den Westen aufbricht, ganz zu schweigen – so lange braucht wirklich niemand, um die Trilogie zu lesen.

Wenn man um das Verhältnis zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit weiß, kann man damit einiges erreichen. Die Übergänge sind natürlich fließend; in diesem Beispiel wechseln sich Zeitdeckung und Zeitraffung ab.

„Ich weiß ja nicht“, sagte ich und starrte auf mein Handy, bis das Display erlosch. Dann erst blickte ich zu ihm. „Das erscheint mir ziemlich theoretisch, findest du nicht?“
Er hob den Kopf und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Nach einer Minute ertrug ich das Starren nicht mehr.
„Okay, vielleicht hast du Recht“, lenkte ich ein. „Du meinst also, man darf das alles nicht zu eng sehen?“

Beispieltext

Genau das meine ich. Um bestimmte Stimmungen zu erzeugen, ist das Spiel mit dem Erzähltempo wichtig, aber man sollte sich nicht davon einschränken lassen. Das meiste machen wir ohnehin intuitiv. Dennoch hilft das Wissen darum, wie erzählte Zeit und Erzählzeit zusammenhängen, beim Erschaffen von Stimmungen, Eindrücken und der Erzählgeschwindigkeit.

Macht ihr euch beim Schreiben Gedanken um die Erzählzeit oder die erzählte Zeit? Oder vielleicht sogar über beides?

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