Bücher des Monats Februar

Der geheime Garten (Frances Hodgson Burnett)

Originaltitel: The Secret Garden
Erscheinungsjahr: 1909
Genre: Kinderbuch

Zum ersten Mal habe ich dieses Buch mit sieben oder acht Jahren gelesen. Als Erwachsene bin ich noch genauso begeistert und verzaubert wie damals.

Das zehnjährige Waisenmädchen Mary landet bei ihrem verschrobenen Onkel Mr Craven auf dessen riesigem Anwesen in Yorkshire. Sie ist ein verzogenes, egoistisches Gör, das nichts und niemanden mag. Als sie von einem geheimen, abgeschlossenen Garten hört, den niemand betreten darf, wird ihre Neugierde geweckt. Die Suche nach diesem Geheimnis bringt sie über das Rotkehlchen Robin zum ersten Mal in ihrem Leben anderen Menschen näher. Während um sie her der Frühling erwacht, lernt Mary nach und nach, andere und schließlich auch sich selbst zu mögen. Dabei ist ihr der freundliche Dickon, ein Junge aus dem Dorf, eine große Hilfe. Und dann findet Mary heraus, dass noch ein Kind im Haus lebt – Colin, der kränkliche Sohn von Mr Craven, der mindestens so verzogen und widerwärtig ist wie sie selbst zu Beginn…

Die Kinder stehen hier selbstverständlich im Vordergrund. Marys Entwicklung von einem grässlich selbstsüchtigen Widerling in ein fröhliches, neugieriges Mädchen geht schnell, aber in sich schlüssig voran. An ihrem Beispiel macht der Autor deutlich, dass sich in jedem noch so ekligen Menschen etwas Schönes verbergen kann. An ihrer Seite steht Dickon, der mit Tieren spricht und die Natur versteht. Auf seine geduldige, bedingungslos freundliche Art hilft er Mary, sich selbst und dem Leben um sie her näher zu kommen. Dickon ist erst zehn Jahre alt, doch er ruht in sich und ist einfach nur liebenswert. Colin dagegen ist ein schöner Kontrast zu Mary, steht ihr wie ein Spiegel gegenüber. Eigentlich ist seine Geschichte die, um die es wirklich geht – er muss beweisen, dass alles möglich ist, wenn man nur daran glaubt.

Der Schreibstil ist der Zeit entsprechend. Da das Buch aus Marys Sicht geschrieben ist, ist es recht kindlich, aber doch sehr gewählt verfasst. Als Kind versteht man es gut, als Erwachsene fühlt man sich nicht unterfordert, sondern schmunzelt vor sich hin und entwickelt Beschützerinstinkte für das kleine Mädchen, das erstmal lernen muss, zu lächeln.

Die Grundbotschaft ist heute so aktuell wie Anfang des letzten Jahrhunderts: Kinder brauchen andere Kinder, und die Natur ist oft heilsamer als jede Medizin.

Das Leben ist eins der Härtesten (Giulia Becker)

Originaltitel: Das Leben ist eins der Härtesten
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Gesellschaftsroman

„Das Leben ist eins der Härtesten“, hatte Silkes Oma immer zu ihr gesagt, wenn die Depressionen im Winter wieder schlimmer wurden und ihr nichts anderes übrigblieb, als über die ganze Sache zu lachen. Es war ein verzweifeltes Lachen, ein alternativloses, aber eben auch ein Lachen.

Damit ist eigentlich alles gesagt. In diesem großartigen, humorvollen, liebenswerten und doch so unfassbar ernsten Buch geht es ums Weglaufen vor Problemen, um Verantwortung und um die Frage, ob am Ende alles gut wird.

Die Charaktere sind so unfassbar überzogen, dass sie schon wieder extrem nah am echten Leben sind. Die schrille, überkandidelte Renate, die vor einer Ladung Impulskäufe aus dem Teleshopping wegläuft. Ihr kürzlich verstorbener Hund hieß Mandarine Schatzi, was einem alles über das Frauchen sagt, was man wissen muss. Silke, die sich die Sorgen der ganzen Welt aufbürdet, die ewige Mittelklasse, der ewige Durchschnitt – sie läuft vor ihrem Exmann davon, und vor den Sorgen. Willy-Martin, schüchterner Junggeselle, der sich plötzlich einer aufdringlichen Onlinebeziehung entgegensieht. Na ja, und halt Frau Goebel, die dem Tod davonlaufen will. Die vier bilden eine grandiose Gruppe voller Spannungen und Probleme. Sie passen einfach nicht zueinander und wachsen doch zusammen auf dem Weg ins Badeparadies Tropical Islands, wo Frau Goebel ihre Angst vorm Sterben vergessen will.

Natürlich geht ständig alles schief. Keiner der vier Hauptpersonen ist ein Überflieger, keiner ist vom Glück verfolgt. Sie sind aus dem echten Leben gegriffen, und jeder von uns hat schonmal eine Renate mit ihrem dämlichen Minihund gesehen, eine Silke, einen Willy-Martin. Es gibt hier keine Wunder und keine Prinzen auf weißen Rössern, dafür ganz viel Realität, die durch Beckers sarkastischen, tragisch-komischen Schreibstil auf einmal gar nicht mehr so schlimm anmutet.

Juja (Nino Haratischwili)

Originaltitel: Juja
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Gesellschaftsroman / Fiktion

Literatur ist Kunst – und Kunst bewegt.

Jeanne Saré schreibt mit siebzehn Jahren das Buch Die Eiszeit – und wirft sich danach vor den Zug. In den folgenden Jahren sterben vierzehn Frauen auf dieselbe Art – sie alle haben Die Eiszeit gelesen. Eine Kunstwissenschaftlerin macht sich auf die Suche nach den Hintergründen. Wer war Jeanne Saré? Was in ihrem Text bringt junge Frauen dazu, sich das Leben zu nehmen? Gab es sie überhaupt?

Ein unangepasstes, überwältigendes Buch. Zum ersten Mal habe ich Juja mit fünfzehn Jahren gelesen, ich glaube nicht, dass ich damals alles verstanden habe. Habe ich diesmal mehr begriffen? Ich denke schon. Alles? Ganz sicher nicht. Es ist kein Buch, das man schnell durchdringt.

Sprachgewaltig und mit obszöner Ästhetik beschreibt Haratischwili das Leben einiger Menschen, die von der Eiszeit berührt werden. Das Buch holt sie in ihrer ureigenen Verzweiflung ab, jede sieht sich selbst in den Zeilen. Einige erliegen dem mörderischen Sog. Es geht – in der Eiszeit und in Juja – um den Schmerz in all seiner Intensität, um sie dunkle Glorie des Wahnsinns, die man spürt, wenn man alle Hoffnung und sich selbst aufgegeben hat. Um Todessehnsucht und die Sehnsucht nach dem Leben. Um Wege hinaus aus der ganz persönlichen Eiszeit, welche Wege auch immer.

Der Schreibstil ist eigenwillig, unangepasst, extravagant. Klar und deutlich an einigen Stellen, durchsetzt von Sarés Wahnsinn an anderen. Hinterher ist die Welt ein bisschen anders. Ob besser oder schlechter, sei jedem selbst überlassen.

Aber Juja berührt, fasziniert, und ich denke, jeder und jede kann sich ein bisschen darin wiederfinden. Die Botschaft am Ende ist deutlich: Schmerz kann noch so allumfassend und alles verzehrend sein, wichtig ist nur, wie wir damit umgehen.

Ein Wispern unter Baker Street (Ben Aaronovitch)

Originaltitel: Whisper Under Ground
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Urban Fantasy

Mit einem Punkergeist mit Spraydose geht es los. Und schon ermittelt Peter Grant, Zauberlehrling und Polizist, in einem Mordfall in der Londener Tube, in dem er eng mit der nicht-magischen und definitiv nicht magiebegeisterten regulären Polizei zusammenarbeiten muss. Außerdem jagt er mit seinem Lehrmeister Nightingale und seiner Kollegin Lesley irre Amateur-Zauberer und den geheimnisvollen Gesichtslosen, den wir im letzten Band kennen gelernt haben.

Peter ist drauf wie eh und je, selbstironisch, etwas verpeilt und spontan. Es wird einfach nicht langweilig mit ihm. Dank Lesley an seiner Seite starrt er weniger auf Brüste als in den ersten Teilen, das war eine sehr angenehme Überraschung. Lesley selbst ist die ideale Ermittlungspartnerin für Peter, mit ihrem trockenen Humor, ihrer unbestreitbaren Intelligenz und einer guten Portion Durchsetzungsvermögen sorgt sie dafür, dass Peter auch mal richtig ermittelt und nicht ständig abschweift. Ohne Lesley wäre dieses Buch wahrscheinlich doppelt so lang, und es gäbe viel mehr spannende, aber unwichtige Randfakten über Magie und Leute wie das Stille Volk. Und ohne Lesley würde diese ganz zarte Romanze sich natürlich nicht entwickeln können, schließlich hätte Peter dann niemandem, der ihm beibringt, nicht so sehr auf Äußerlichkeiten zu achten.
Eine zeitlang hatte ich das Gefühl, dass trotzdem nicht viel passiert, dann überschlugen die Ereignisse sich. Trotzdem war es leicht, den Überblick zu behalten.

Ben Aaronovitch schreibt gewohnt flapsig und ohne sich selbst zu ernst zu nehmen. Bei allem schwingt stets eine gute Portion (Galgen-)humor mit. Wie gewohnt geht es weniger um tiefsinnige Gedanken als darum, den Leser gut zu unterhalten – was absolut gelingt. Ich freue mich schon auf den nächsten Band!

Scherbenpark (Alina Bronsky)

Originaltitel: Scherbenpark
Erscheinungsjahr: 2008
Genre: Roman

Die siebzehnjährige Sascha will den Mörder ihrer Mutter umbringen, wenn der aus dem Knast kommt, und ein Buch schreiben. Sie lebt mit ihren jüngeren, schwer traumatisierten Geschwistern und ihrer Stieftante im Russengetto und läuft ernsthafte Gefahr, sich selber in ihrem Hass und ihrer Verzweiflung zu verlieren.

Sascha ist vor allem eines – wütend. Auf sich selbst, auf den Mann, der ihre Mutter umgebracht hat, auf ihre Stieftante, auf alle anderen Menschen. Es gibt keine Kapitel, kaum Pausen, ihre Geschichte wird einem nur so um die Ohren gepfeffert. Der Schreibstil ist kantig und unbequem, eine atemlose Erzählung, direkt und schonungslos.

Trotzdem kam ich nicht richtig an dieses Buch ran. Sascha. Sie ist neunmalklug, übermäßig dramatisch, drastisch, eben siebzehn Jahre und auf dem Weg in den Abgrund – aber da war ich selber schon, und ich bin froh, es hinter mir zu haben. Sascha funktioniert nicht als tragische Heldin, sie erinnert mich nur an mich selbst. Das ist auf eine gewisse Art und Weise großartig gemacht und irgendwie schon eindrücklich, aber auch sehr anstrengend, und ich bin vor allem froh, das Buch zuende gelesen zu haben und jetzt so schnell nicht mehr anfassen zu müssen.

Tell Me No Lies (A.V.Geiger)

Originaltitel: Tell Me No Lies
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Young Adult Fiction

Nachdem Tessa und Eric am Ende des ersten Teils den Tod des Popstars vorgetäuscht haben, versuchen sie jetzt, undercover ein normales Leben zu führen. Dieser Plan wird jedoch von Erics Manager Maury vereitelt, und die beiden finden sich schneller, als sie gucken können, in Erics altem, stressigem Leben wieder. Sowohl für Tessa mit ihrer Angststörung als auch für Eric mit seiner Paranoia ist die Belastung fast zu viel. Als dann auch noch intime Fotos der beiden in der Zeitung auftauchen, sind sie sicher: zu allem Übel hat Tessas Stalker Blair sie gefunden. Eine mentale Zerreißprobe beginnt und stellt ihre junge Liebe auf eine schwere Probe.

Wie schon im ersten Teil sind mir die beiden zu erwachsen. Sie sollen 18 sein und benehmen sich wie 27. Davon abgesehen sind sie unfassbar süß und liebenswert. Mir hat besonders gefallen, wie die Autorin herausstellt, dass psychische Erkrankungen nicht nur für den/die Erkrankte belastend sind, sondern auch für dessen Umfeld. Tessa und Eric lieben sich sehr, und doch leiden sie unter der Krankheit des jeweils anderen, sind manchmal regelrecht genervt voneinander. Das ist sehr realistisch und schmälert in keiner Weise die Liebesgeschichte. Im Gegenteil, es gibt ihr Tiefe und Echtheit.

Für mich als Social Media-Muffel gab es hier definitiv zu viel Snapchat. Das Konzept von Twitter verstehe ich noch halbwegs, aber Snapchat… Da bin ich raus.

Der Schreibstil ist sehr angenehm, die Geschichte plätschert so vor sich hin. Wieder gibt es Ausschnitte aus polizeilichen Verhörprotokollen, und als Leser fiebert man von der ersten Seite an mit, wer denn jetzt tot ist und warum. Bis das jedoch aufgeklärt ist, muss man sich durch ziemlich viele Verschwörungstheorien kämpfen und verliert schnell auch mal den Überblick. Am Ende ist dann aber wieder alles klar und irgendwie auch vollkommen logisch.

In the Labyrinth of Drakes (Marie Brennan)

Deutscher Titel: Im Labyrinth der Draken
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Fantasy

Um es kurz zu sagen: dieses Buch ist bisher das beste einer grandiosen Serie. Es erfüllt all meine Wünsche und übersteigt meine größten Träume.

Dieses Mal verschlägt es Isabella, die unangepasste, ambitionierte, unfassbar pragmatische Naturforscherin, und ihren nicht weniger motivierten Kollegen Tom Wilker nach Akhien, wo sie im Auftrag der Royal Army Drachen züchten sollen. Das Zuchtprogramm, das ihr Vorgänger aufgebaut hat, ist alles, aber nicht evidenzbasiert; ihre Vorgesetzten sind so rein gar nicht begeistert, mit Isabella eine Frau anstellen zu müssen; und dann ist da noch die Problematik bezüglich Suhail, den Isabella unbedingt wiedersehen will – und dem gegenüber sie ihre wahren Gefühle unbedingt verbergen muss, um keinen Skandal zu riskieren. (Spoiler: einen Skandal gibt es natürlich trotzdem.)

Isabella Trent erzählt ihre Memoiren in dem üblichen nüchternen Tonfall einer älteren Frau, die keine Angst hat, sich den Fehlern und Skandalen ihrer jüngeren Jahre zu stellen. Der Schreibstil ist gewohnt fesselnd – in ganz klaren Worten werden wundervolle Träume und Bilder erschaffen, und bei jeder neuen Entdeckung fiebert man als Leser*in mit Isabella mit. Mein Herz hat noch nie so schnell geschlagen, nur weil jemand eine eingetretene Tür beschrieben hat!
Diesem wort- und bildgewaltigen Meisterwerk kann man sich einfach nicht entziehen. Isabella mit ihrer überaus pragmatischen und gleichzeitig so unüberlegten Art muss man gern haben, ihr Durchhaltevermögen bewundern. Als Frau setzt sie sich in einer von Männern dominierten Welt durch, etabliert sich als Wissenschaftlerin und macht unfassbare Entdeckungen. Isabellas Bruder Andrew wirkt mehr wie ein gut gelaunter Sidekick als wie ein Soldat, aber das macht er wirklich gut. Tom Wilkers Rolle schrumpft leider; er ist zwar da, aber die Autorin räumt ihm nicht annähernd so viel Platz ein wie in den Vorgängerbänden. Dafür wächst die Rolle eines anderen Charakters: Suhail, in den ich mich im letzten Teil Die Reise der Basilisk schockverliebt habe und von dem ich hoffe, dass er im fünften Teil eine ebenso große Rolle einnehmen wird.

Denn neben den Drachen und den wundervollen Bildern ist es vor allem die Beziehung zwischen Isabella und Suhail, die dieses Buch so fesselnd macht. Da wird so viel Romantik und Knistern aufgebaut, dass es mich beinahe zerreißt – und alles, während die beiden eine Armlänge Abstand zueinander halten müssen! Das hat mich schon im letzten Buch beeindruckt und in diesem noch einmal mehr.

Und jetzt gibt es nur noch den fünften und letzten Teil der Memoiren von Lady Trent. Ich sehe diesem Erlebnis mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Einerseits freue ich mich unfassbar darauf; andererseits wird diese herausragende Serie dann beendet sein, und ich weiß nicht, wie gut ich das finde.

Desert Gods – Sonnenzorn (Lisa Nevermore)

Originaltitel: Desert Gods – Sonnenzorn
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Romantasy

Nach fünftausend Jahren Gefangenschaft wird die Seele der ägyptischen Kriegsgöttin Sachmet befreit – und nistet sich in Evies Körper ein. Mit der Hilfe der fröhlichen Bastet und des übermäßig von sich selbst überzeugten Chaosgottes Seth muss Evie lernen, sich gegen die uralte Göttin zur Wehr zu setzen – und dass sie dafür viel Zeit mit Seth verbringen muss, ist ein nicht immer nur angenehmer Nebeneffekt. Auch Mitbewohnerin Hanna, die Evie so nah ist wie eine Schwester, wird im wahrsten Sinne des Wortes ins Geschehen hineingezogen. Das ungewöhnliche Quartett kämpft um Evies Leben und stößt dabei auf eine Verschwörung, die viel tiefer geht.

Evie ist eine grandiose Protagonistin. Sie nimmt nicht einfach hin, dass ihr Leben umgekrempelt wird, und setzt sich mit aller Macht gegen Sachmet zur Wehr. Dabei bleibt sie herrlich selbstironisch und hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Hanna als menschlicher Sidekick ist auch gut gelungen, die loyale Freundin, die bereit ist, es mit einem ägyptischen Gott aufzunehmen, um Evie zu verteidigen.
Für ägyptische Götter bin ich immer zu haben, und in der Hinsicht bekommt man hier wirklich alles, was man sich wünschen kann. Von Göttern, die sich ans menschliche Leben gewöhnt haben bis zu Osiris, dem Herrn der Unterwelt (der allerdings grün ist, weil er der Gott der Wiedergeburt ist und nicht, weil er schimmelt) sind alle dabei.

Die erzählte Geschichte ist wunderbar, nur der Schreibstil etwas gewöhnungsbedürftig. Hektische, kurze Sätze wechseln sich mit langen Bandwürmern ab, der Roman läuft unglaublich ruckelig an, weil die ersten paar Seiten gefühlt nur aus Erklärungen und Beschreibungen bestehen. Diese ausführlichen Beschreibungen fehlen dann später, beispielsweise in der Duat, wo ich sie mir sehr gewünscht hätte. Dazu kommen ein paar kleine Tippfehler und eine Menge Kommata, wo sie nicht gebraucht würden – zwei- oder dreimal bin ich bereit, über so etwas hinwegzusehen, aber hier stört es durch die schiere Menge auch den Lesefluss.

Ansonsten ist es ein schöner Auftakt zu einer Reihe, und ich bin gespannt, wie es mit Evie, Hanna, Seth und Bastet weitergeht!

Nach der Zerstörung – Raja und Lean (Rebekka Gusia)

Originaltitel: Nach der Zerstörung – Raja und Lean
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Dystopie

Naturkatastrophen haben die Menschheit weitgehend ausgelöscht. Raja lebt schon lange alleine, nur mit ihrem Hund Floh als Gesellschaft. Doch ausgerechnet an ihrem neunzehnten Geburtstag wird sie von einem Erdbeben überrascht und verschüttet. Der gutaussehende, charismatische Lean rettet sie und macht sich zum Ziel, die schwerverletzte Raja gesundzupflegen. Doch Lean hat ganz eigene Geheimnisse, die zum großen Teil seine Herkunft betreffen…

Die Charaktere sind ganz zauberhaft. In der ersten Hälfte des Romans gibt es praktisch nur Raja, Lean und Floh – und das genügt vollkommen. Die Beziehung zwischen Raja und Lean wird zart und sanft aufgebaut, das Erzähltempo ist ungewöhnlich sacht für eine Dystopie. Action sucht man vergebens, doch die wird auch nicht gebraucht.
Raja ist eine unglaublich starke Protagonistin, mit eigener Meinung, unbeugsamem Willen und einer gehörigen Portion Mut. Lean als ihr Gegenspieler ist nicht ganz so facettenreich, doch auch er fasziniert mich als Leserin von der ersten Minute an. Auch alle anderen Charaktere, die im Lauf der Geschichte auftauchen, sind abwechslungsreich und haben viel Tiefe.

Die Welt ist spannend, aber eigentlich nur Kulisse. Ja, die Menschheit wurde fast ausgelöscht. Ja, es gibt ständig Erdbeben. Ja, da war wohl ein Event in der Vergangenheit, das „Die Zerstörung“ genannt wird. Auf all das wird aber nicht eingegangen, und das Leben der Protagonisten bleibt davon weitestgehend unberührt.

Einziger Makel ist der Schreibstil. Wortwiederholungen, ewig gleiche Satzanfänge, ein wenig abwechslungsreicher Wortschatz prägen diese ansonsten wundervolle Geschichte voller überraschender Wendungen. Dazu kommen kleinere Rechtschreib- und Kommafehler, was wirklich sehr schade ist, denn ich lasse mich ungern von so etwas aus einer grandiosen Geschichte rausreißen.

Aber davon abgesehen ist dieses Debut wirklich unfassbar gut und viel mehr, als ich beim Lesen des Klappentextes erwartet hatte.

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