Wie hilfreich sind Schreibratgeber?

Es gibt sie zu hunderten, wenn nicht zu tausenden: Schreibratgeber.
Autoren, Lektoren, Pädagogen teilen gern und ausführlich ihre persönlichen Tipps, Tricks und Wundermittel, wie man Bücher schreibt und vermarktet. Es geht um Plotstrukturen und Charakterentwicklungen, um Worldbuilding, Dialoge und Spannungsbögen. Auf dreihundert Seiten erhält man als angehende*r Autor*in hilfreiche und weniger hilfreiche Hinweise, wie man den eigenen Roman aufbauen soll.

Meinen ersten Schreiratgeber habe ich geschenkt bekommen. Es waren deutlich mehr als dreihundert Seiten, ich war ungefähr fünfzehn und mein Vater hatte spitzgekriegt, dass ich schreibe. Also wollte er mir eine Freude machen, und das hat er auch. Endlich hatte ich eine Anleitung in der Hand, ein Buch, das mir sagt, wie ich mit meinen fünfzehn Jahren einen Roman veröffentliche!
Na ja, zumindest war das mein Gedanke. Die Realität sah natürlich anders aus. Der Ratgeber hat mich regelrecht erschlagen, ich hatte hinterher das Gefühl, ungefähr alles falsch gemacht zu haben, was man falsch machen kann. Wenn ich heute an die Sachen zurückdenke, die ich mit fünfzehn geschrieben habe, ist das auch nicht ganz verkehrt – aber damals brach für mich eine kleine Welt zusammen. Ich war mir sicher, dass ich nicht zur Autorin tauge, dass ich viel zu groß träume und dass ich diese Utopie besser begrabe. (Ja, ich gebe zu, mit fünfzehn habe ich gern und schnell fatalisiert und katastrophisiert. Selbstreflexion war … nicht meine Stärke.)
Danach habe ich mich lange Zeit an Fanfictions gehalten, falls ich überhaupt geschrieben habe. Immerhin wusste ich ja jetzt, dass ich nicht gut genug bin, um Autorin zu werden.

Mittlerweile sehe ich das glücklicherweise anders. Ich habe akzeptiert, dass Schreiben ein Prozess ist. Rohfassungen dürfen schlecht sein, ich muss nicht alles schreiben können und ich habe immer Raum, mich weiterzuentwickeln. Aber das Wichtigste ist, dass ich mir wieder etwas zutraue. Ich habe meinen Traum vom veröffentlichten Roman wieder ausgebuddelt, habe meine Fantasy-Trilogie um Enes und Arvid geschrieben und verflixt noch eins, ich werde sie veröffentlicht kriegen.

Es hat gedauert, bis ich mich wieder an einen Schreibratgeber getraut habe. Ich hatte solche Angst, wieder demotiviert zu werden! Und außerdem hatte ich meine Trilogie schon geschrieben, und zwar ohne die Hilfe von Ratgebern.
Aber dann habe ich mich doch mal überwunden und war wirklich positiv überrascht. Natürlich hatte ich meine Rohfassung schon geschrieben, und ich hatte sie auch schon ein, zwei Mal überarbeitet. Der Schreibratgeber, den ich gelesen habe, hat mir trotzdem die Sinne geschärft für Dinge, die ich sonst sicher nicht bemerkt hätte. Nur Kleinigkeiten, aber der Roman ist dadurch sicherlich besser geworden. Vor allem gab es ein ganzes Kapitel zum Überarbeiten, mit Methoden, die ich so im Leben nicht anwenden würde – aus denen ich mir aber trotzdem etwas entlehnen konnte.

Und so musste ich meine recht harsche Meinung zu Schreibratgebern doch noch revidieren.
Wenn man sie nicht als eine „Anleitung zum Bücherschreiben“ sieht und sich strikt an das hält, was darin steht, sind sie sicherlich hilfreich. Ich habe nicht viele Schreibratgeber gelesen, aber ich weiß jetzt schon, dass ich diejenigen bevorzuge, in denen der Ton etwas salopper ist. Schreiben soll schließlich Spaß machen, und wenn mir ein Ratgeber mit erhobenem Zeigefinger nur aufzeigt, was ich falsch mache, was ich auf gar keinen Fall machen darf und an welche Struktur ich mich mit meinem Plot unbedingt halten muss, denn werde ich demotiviert und fühle mich als angehende Autorin herabgesetzt.

Das bedeutet, die Lektüre von Schreibratgebern erfordert reflektiertes Lesen und eine gesunde Selbsteinschätzung. Ich halte nichts davon, sich zu sagen So, ich will kreativ schreiben lernen, ich kaufe mir jetzt einen Schreibratgeber und lerne daraus, wie es geht. Nein! Kreativität ist etwas Intuitives. Um Schreiben zu lernen, sollte man schreiben. Einfach ausprobieren, was geht und was nicht. Womit fühle ich mich wohl? Was macht mir Spaß? Was gelingt mir gut, was weniger gut?
Und dann kann man sich so einen Ratgeber kaufen und mit dessen Hilfe gucken, wo es noch hakt. Schreiben kann man lernen, ja, aber nicht nur aus Büchern. Vor allem lernt man beim Schreiben selbst. Schreibratgeber können dabei unterstützen und sicherlich auch mal Augen öffnen. Sie können aufzeigen, warum eine bestimmte Szene nicht funktioniert, und Möglichkeiten anbieten, wie man sein eigenes Schreiben verbessert. Aber sie sind keine starre Anleitung, an die man sich halten muss, und sollten nicht als solche gelesen werden.

Wenn ich vor lauter Schreibratgebern, die ich lese, gar nicht mehr zum Schreiben komme, habe ich nichts gewonnen. Und wenn ich beim Schreiben immer nur daran denke, was in diesem oder jenem Ratgeber stand, werde ich nie zu meinem eigenen Stil finden.

Wie steht ihr zu Schreibratgebern?

6 Gedanken zu “Wie hilfreich sind Schreibratgeber?

    1. Sehe ich auch so. Von anderen zu lernen, ist immer gut! Man muss nur wissen, welche Tipps man annimmt und welche nicht. Dafür ist ein gewisses Selbstbewusstsein als Autor*in nötig, denke ich, um zu sehen, was man selber schon gut macht und wo es noch hakt. Und dann kann man wirklich davon profitieren, welche Erfahrungen andere Autor*innen gemacht haben 😉

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  1. Liebe Anna, als ich anfing zu schreiben, schenkte mir auch eine Freundin ein Buch übers Schreiben. Ich legte es schnell zur Seite und lauschte lieber meiner inneren Stimme. Nun, ich schreibe nur kleine Geschichten und keine ganzen Romane. Vieleicht ist das anders? Herzensgrüße, Susanne

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Susanne!
      Hm, ich habe noch nie einen Schreibratgeber gelesen und versucht, ihn auf Kurzgeschichten zu beziehen; vielleicht ist das tatsächlich ein Unterschied. Ob man jetzt Kurzgeschichten oder Romane schreibt, auf die innere Stimme zu hören, ist jedenfalls immer wichtig. Denn oft hat man ja ein gewisses Sprachgefühl und ein bisschen Intuition, um zu wissen, ob das gerade Geschriebene „gut“ ist oder nicht. Weiterentwickeln kann man sich ohnehin nur, indem man weiterschreibt.
      Liebe Grüße, Anna

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  2. Rhiannon

    Das Rad muss nicht ständig neu erfunden werden, aber wir dürfen es jederzeit nach Belieben ausschmücken 😉

    Das Schwerste ist wohl eher das Genre zu finden, das einem selber gut liegt, ich brauchte Jahre dafür 🙂

    Es ist – glaube ich – Typ-abhängig … die einen wollen eine fixe und klare Linie, die anderen scheren sich nicht darum. Spannend sind sie allemal – und ja, ich hab auch einige gelesen. Wie überall wo wir etwas lesen, so ist es auch hier eine Mögilchkeit etwas daraus für einen selber mitzunehmen.

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, das mit dem Genre ist nochmal eine ganz eigene Herausforderung, da hast du Recht.

      Mitnehmen kann man auf jeden Fall sehr viel aus diesen Ratgebern. Auch mit dem Typ-abhängig stimme ich dir zu… Wir sind eben doch alle unterschiedlich, und das ist auch gut so!

      Gefällt 1 Person

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