Bücher des Monats April

Der böse Ort (Ben Aaronovitch)

Originaltitel: Broken Homes
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Urban Fantasy

Londons letzter Zauberlehrling, seine Kollegin und sein Hund jagen weiter magische Verbrecher. Diesmal beginnt es mit Blutspuren von einer unauffindbaren Leiche – und der Fahrer hat Verbindungen zu den Little Crocodiles, jenem illegalen Magierclub, den der Gesichtslose vor Jahrzehnten ausgebildet hat. Klar, dass Peter, Lesley und Nightingale da hellhörig werden!

Nach dieser etwas langatmigen Einführung geht es mit einer Verschwörung um einen Sozialwohnblock weiter, die leider zu unendlichen Ausschweifungen über die Architektur Londons führt. Wirklich unendlich. Peter schwafelt und schwafelt, und statt zu ermitteln, bekommt der Leser eine ganze Vorlesung über Architekturstile und –sünden.

Wie schon im letzten Buch geht ziemlich lange nichts vor und nichts zurück. Die Ermittlungen stehen still, während verschwurbelte neue Fälle dazukommen, in diesem Buch eine russische Nachthexe – die ziemlich cool ist – und eine tote Baumnymphe. Viel Action auf wenigen Seiten, dafür viele Seiten ganz ohne Action. Ganz zum Schluss folgt eine Überraschung, die mich wirklich unvorbereitet getroffen hat und die für die langatmigen Architektur-Szenen entschädigt.

Der Schreibstil ist gewohnt flapsig und unterhaltsam zu lesen. Die Reihe ist wirklich nur etwas für nebenbei, aber ich freue mich über jede Doctor Who-Anspielung und über jeden zynischen Kommentar von Peter. Um den Alltag mal zu vergessen, sind diese Bücher wirklich pefekt.

They Both Die At The End (Adam Silvera)

Deutscher Titel: Am Ende sterben wir sowieso
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Young Adult Fiction

Mateo ist 18 und Rufus 17, als beide den Anruf erhalten, dass sie in den nächsten 24 Stunden sterben werden. Sie sind absolut gegensätzlich – Mateo ein introvertierter, schüchterner Bursche, der aus Angst vor Enttäuschungen kaum die eigene Wohnung verlassen kann, Rufus ein wilder Draufgänger auf der schiefen Bahn. Sie finden sich per App und stellen sich gemeinsam der großen Herausforderung, ihren letzten Tag auf dieser Welt würdig zu leben.

Dieses Buch ist ganz grandios geschrieben. Es gibt sehr viele Charaktere, die unterschiedlich oft auftauchen, und jede*r hat seine/ihre eigene Stimme, ein eigenes Leben, eine eigene Geschichte. So viele Gedanken über Leben und Tod werden hier mit so vielen Lebensentwürfen in Verbindung gebracht, so viel Sinn wird aufgezeigt, so viele Fragen gestellt. Die Lesenden sind ganz nah dran an den Charakteren, und dieses große, gewaltige Thema Tod wird sensibel, aber nicht mit Samthandschuhen angefasst.

Nur wie genau das funktioniert mit Death Cast, das wird in diesem Buch nicht verraten. Wie eine Firma dazu kommt, die Tode von Menschen vorherzusagen und es ihnen mitzuteilen – das bleibt ein großes Geheimnis. Fast schon schade. Aber was wäre die Welt ohne ein paar Geheimnisse?

Wirklich ein ganz wundervolles Buch. Voller Hoffnung, obwohl es um den Tod geht. Voller Zuversicht, obwohl das Ende naht.

Within the Sanctuary of Wings (Marie Brennan)

Deutscher Titel: Im Schutz der Drachenschwingen
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Fantasy

Der fünfte und abschließende Teil von Lady Trents Memoiren. Dieses Mal begibt die unerschütterliche Isabella sich ins höchste Gebirge ihrer Welt, um dort den vereisten Körper einer längst ausgestorbenen Drachenspezies zu suchen. Mit ihr reisen ihr Ehemann Suhail, ihr langjähriger Gefährte Tom Wilker – und natürlich das Militär, denn man liegt mit dem Teil der Welt im Krieg, in den es Isabella zieht.

Es wäre kein Teil von Lady Trents Memoiren, wenn sie sich nicht in Gefahr begäbe, eine fremde Sprache lernen und mit einer fremden Kultur zurechtkommen müsste. Doch dieses Mal ist die Gefahr größer als je zuvor und die Kultur fremder – und gefährlicher – als alles bisher dagewesene.

Über fünf wundervolle Bücher hinweg hat Marie Brennan uns gezeigt, wie viel spannender unser viktorianisches Zeitalter wäre, wenn es Drachen gäbe. Ihr sachlicher und gleichzeitig so bildgewaltiger Schreibstil hat mich jedes Mal aufs Neue in den Bann gezogen. Ich habe mit Isabella Trent mitgelitten und mitgefiebert, die wunderschönen Zeichnungen bestaunt, meine Faszination für die naturgeschichtlichen Entwicklungen von Drachen entdeckt und jedes Buch genossen. Diese Reihe ist definitiv meine liebste Entdeckung seit langer Zeit, und der Abschluss war so grandios, dass ich nicht mal enttäuscht sein kann, weil es jetzt zu Ende ist. Im Gegenteil. Es war so eine schöne Reise, dass es wirklich an Perfektion grenzt.

Willst du normal sein oder glücklich? (Robert Betz)

Vollständiger Titel: Willst du normal sein oder glücklich? Aufbruch in ein neues Leben und Lieben
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Ratgeber

Zwei Prozent dieses Buches sind vernünftige Erkenntnisse und Ratschläge, die sich in einem Satz zusammenfassen lassen: Lebe achtsam, sei gut zu dir selbst und stress dich nicht so viel. Der Rest besteht aus Bla bla, wirren esoterischen Theorien und einer Menge Werbung für die Meditations-CDs und was sonst noch für Werke des Autors.

Besagter Autor ist Diplom-Psychologe und aus irgendwelchen Gründen Bestsellerautor. Er hört sich offensichtlich gern reden, ist ziemlich überzeugt von sich und verkündet auf Seite 15 gönnerhaft: „Dieses Buch ist mein Geschenk an dich.“ Wie freundlich von ihm.

Und was für ein Geschenk ist das? Auf 250 Seiten mit wahllos fett gedruckten Passagen unterstellt Betz allen Menschen, sich selbst nicht genug zu lieben. Daran sind – natürlich – unsere Eltern schuld, die uns nur lieben, wenn wir Leistungen erbringen. Und die tun das, weil deren Eltern ihnen das so beigebracht haben. Also müssen wir lernen, mit den Eltern unserer Kindheit Frieden zu schließen, uns selbst und das Leben zu lieben und alles ist gut.

Für einen Diplom-Psychologen drückt er sich viel zu reißerisch aus. Sein Tonfall gefällt mir nicht, er ist so unfassbar selbstgefällig als erwarte er von seiner Leserschaft, ihn anzubeten wie eine Art Guru. Dass er sich selbst liebt, daran habe ich keinen Zweifel.

Seine Theorien halte ich auch für fragwürdig. Natürlich können psychische Sorgen und Belastungen körperlich krank machen. Aber Krebs darauf zu schieben, dass man mit sich selbst nicht im Reinen ist, halte ich für unsinnig und gefährlich. Seine Geschlechterkapitel setzen dem Ganzen dann die Krone auf, und Familien scheinen für ihn nur als das alte Klischee zu existieren: Frau opfert sich selbst für die Kinder auf und leidet darunter, Mann ist nie da, weil er Geld verdienen muss, und leidet darunter, und die Kinder spüren instinktiv, dass sie eine Belastung für ihre Eltern sind. Wie bitte?

Ich glaube, ich hatte noch nie so viele WTF-Momente beim Lesen eines Buches, in denen ich mal kurz von den Seiten hochgucken musste um mich zu versichern, dass mein Gehirn nicht flüssig aus meinen Ohren raustropft. Wenn es etwas Gutes über dieses Machwerk zu sagen gibt, dann dass ich gelegentlich ungläubig auflachen musste.

The Witcher – Blood of Elves (Andrzej Sapkowski)

Deutscher Titel/Originaltitel: Das Blut der Elfen/Krew Elfow
Erscheinungsjahr: 1994
Genre: Fantasy

Dies ist jetzt also das erste „echte“ Buch der Witcher-Saga und nicht nur eine lose Kurzgeschichtensammlung. Die Charaktere kennt man ja schon – Geralt, Ciri, Yennefer, Rittersporn – und von Triss hat man zumindest schonmal etwas gehört… Auch die Welt war aus den Geschichtensammlungen vorher bekannt. Ich konnte mich also ganz auf die Story konzentrieren.

Ciri ist aus dem gefallenen Cintra geflohen und wurde von Geralt zu den Hexern gebracht. Doch auch dort ist sie nicht sicher, und die (magischen) Mächte der Welt reißen sich darum, ihr Schicksal zu bestimmen.

Allgemein muss ich sagen, dass ich mehr … Geralt eben … erwartet hätte. Dafür, dass das Buch großspurig The Witcher heißt, geht es ziemlich wenig um den berühmten Hexer. Eine Menge gefühlvoller Szenen aus Triss‘ und Ciris Sichtweise machen das aber mehr als wett.

Die Kapitel sind elend lang – wirklich elend lang – und der Infodump, der gelegentlich in grauenhaft geschriebenen Dialogen auf einen einprasselt, ist furchtbar. Davon abgesehen liest sich das Buch wirklich angenehm, es ist düster, aber witzig, wie schon die Kurzgeschichten. Dass alle Frauen Geralt augenblicklich verfallen, tja, das nervt mich immer noch. Also, zumindest alle vollbusigen, attraktiven Frauen – die weniger hübschen werden ja nur mal so als Beiwerk erwähnt, quasi der Vollständigkeit halber. Aber hey, das Buch ist von 1994. Wahrscheinlich muss man schon froh sein, dass es gleich drei weibliche Hauptcharaktere gibt.

Angélique – Die junge Marquise (Anne Golon)

Orignialtitel: Angélique. Marques du Anges
Erscheinungsjahr: 1956
Genre: Historischer Roman

Angélique, Tochter eines verarmten Barons, wächst im Frankreich des Dreißigjährigen Krieges auf. Sie ist ein Leben gewohnt, das dem einer Bauerstochter eher ähnelt als dem einer Adligen. Während sie unbeschwert aufwächst, muss ihr Vater unheilvolle Geschäfte eingehen, um das Auskommen der Familie zu sichern – Geschäfte, in die das Mädchen verwickelt wird.

Wegen des Titels, des Covers und auch des Klappentextes hätte ich erwartet, dass es in diesem Buch tatsächlich um Angélique als junge Frau geht – tatsächlich wird ihre Kindheit und früher Jugend erzählt. Es passiert nicht viel, aber das, was passiert, wird so liebenswürdig und zart erzählt, dass das Buch trotzdem zum Weiterlesen einlädt. Der Schreibstil wirkt manchmal etwas unbeholfen, dennoch ist man beim Lesen die ganze Zeit sehr nah bei Angélique.

Und das Mädchen ist wirklich ein sehr emanzipierter Charakter, ohne dabei überspitzt zu wirken. Es ist schwer, Emanzipation und Selbstermächtigung derart gut in einen historischen Kontext einzubauen, doch Anne Golon ist es hier gelungen. Das allein hat mir so gut gefallen, dass ich gern den nächsten Teil lesen werde.

The Handmaid’s Tale (Margaret Atwood)

Deutscher Titel: Der Report der Magd
Erscheinungsjahr: 1986
Genre: Dystopie

Nach Kriegen, Reaktorkatastrophen und sterilisierenden Viren ist im ehemaligen Nordamerika die Republik von Gilead entstanden, wo gewisse Bibelpassagen extrem wörtlich ausgelegt werden – vor allem jene über die Rolle der Frau. In dieser Welt hat jede*r einen festgelegten Platz und eine festgelegte Aufgabe, und von einigen Frauen, den Mägden, wird erwartet, dass sie Kinder für andere, reiche Ehefrauen auf die Welt bringen – gemäß einer Bibelpassage.

Offred ist so eine Magd. Sie erzählt von ihrem Leben, von der ewigen Angst, in der sie lebt, von unterdrückten Sehnsüchten und der Zeit „davor“, als alles noch normal war. Als Frauen noch Rechte hatten und sie selber eine Familie. Sie versucht, sich anzupassen, um zu überleben, denn es gibt nur eines, was sie vor dem Tod oder der Deportation in die radioaktiv verseuchten Kolonien retten kann: sie muss ein Kind gebären.

Der Erzählstil ist teilweise verwirrend, Offred springt von der Gegenwart in die Vergangenheit, zu dieser und jener Begebenheit, manchmal ist es schwer, der Geschichte zu folgen. Aber wenn man sich erstmal daran gewöhnt hat, wird man unweigerlich hineingezogen in eine beängstigende, beklemmende, auf erschreckende Weise faszinierende Welt, die voller vertrauter Elemente ist und doch so fremd erscheint wie der Mond. Offreds Schicksal ist fesselnd, lässt einen nicht mehr los. Es geht um so viel mehr als nur um die persönliche Freiheit einer jungen Frau. Die zentrale Frage bleibt am Ende jedoch unbeantwortet. Was ist besser – Freiheit, etwas zu tun, oder Freiheit von etwas?

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