Bücher des Monats Mai

Die Nibelungen neu erzählt (Michael Köhlmeier)

Erscheinungsjahr: 1999
Genre: Klassiker

Zuallererst sei gesagt: ich weiß zwar, dass das Nibelungenlied existiert, habe es bisher aber nicht gelesen. Deswegen kann ich keine inhaltlichen Vergleiche zwischen dem „Original“ und diesem Buch hier ziehen.

Köhlmeier verpackt hier einen Klassiker in einfache, leicht verständliche Sprache. Er fasst das Nibelungenlied auf nicht mal 200 Seiten hochdeutscher Sprache zusammen, einfach verständlich und leicht zu lesen.

Allerdings springt er in seiner Nacherzählung ständig zwischen Präsens und Präteritum, zwischen Kommentar und tatsächlicher Nacherzählung, was mich schon ein bisschen verwirrt und auch gestört hat. Inhaltlich erwähnt er, dass viele Kampfszenen fehlen, weil die ihn eben nicht so interessieren – ich fragte mich in diesem Moment, was er vielleicht noch ausgelassen hat, weil es sein Interesse nicht trifft? Außerdem ergeht er sich in Spekulationen, welche Figur wann was gefühlt haben könnte. Sicherlich interessante Fragen, aber nicht das, was ich mir gewünscht hätte. Darüber kann ich selber nachdenken, dafür muss ich nur wissen, was diese Figuren machen.

Davon abgesehen kann ich das Buch als guten Einstieg in die Welt des Nibelungenliedes sehen. Die Lust, das Lied mal „in echt“ zu lesen – oder vielleicht in einer Version, die ich verstehen kann – ist definitiv da, und jetzt habe ich auch das Fundament, jetzt weiß ich, worum es ungefähr geht. Dazu taugt diese Nacherzählung wirklich gut.

Griechische Sagen – Nacherzählt von Richard Carstensen

Erscheinungsjahr: 1954/1978
Genre: Klassiker

In diesem Band sind mehrere kleine und größere Sagen der alten Griechen gesammelt. Von der Entstehung der Welt über den Trojanischen Krieg bis hin zur Odyssee haben zuerst Gustav Schwab und dann Richard Carstensen die alten Sagen in moderne Sprache „übersetzt“. Dies ist wunderbar gelungen, die Erzählungen lesen sich wie eine herrliche Mischung aus altertümlich anmutender Sprache und leicht verständlicher Lektüre.

Es ist an dieser Stelle unnötig, über Charaktere oder Plot zu sprechen. Die Sagen sind so alt, dass sie nach heutigen Maßstäben nicht länger zu beurteilen sind; was bleibt, ist, aus ihnen zu lernen. Und alle griechischen Sagen über Götter und Helden, Monster und Zauberwesen, über Flüche und Wunder lehren uns vor allem eines: die Welt wäre eine bessere, wenn wir mehr miteinander sprächen und auf einander hörten. Wenn alle Menschen weniger auf ihren eigenen Profit bedacht wären und mehr darauf, einfach gute Leute zu sein, könnte das Leben viel angenehmer sein. Ohne Habgier, Geiz, Neid und Lügen… Tja, beschränken wir uns darauf, zu sagen, dass dann selbst Odysseus nicht so lange hätte umherirren müssen.

Bowies Bücher: Literatur, die sein Leben veränderte (John O’Connell)

Originaltitel: Bowie’s Bookshelf: The Hundred Books that Changed David Bowie’s Life
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Nonfiction

Drei Jahre vor seinem Tod erstellte David Bowie einen Liste mit hundert Büchern, die sein Leben beeinflusst haben. Diese Bücher werden hier vorgestellt und kurz und knapp bewertet.

Ich bin zu jung und vielleicht nicht belesen genug, um alle Anspielungen und Vergleiche zu verstehen, die der Autor zieht. Aber ich bin nicht zu jung, um eine tiefe Faszination für David Bowie zu empfinden. Anekdoten über sein schillerndes, vielschichtiges Leben gehen immer.

Allerdings rücken bei all den kleinen Geschichtchen über Bowie und all den teilweise erzwungen wirkenden Parallelen aus den Romanen zu seinen Songs die Bücher an sich sehr in den Hintergrund. Ganze Kapitel handeln mehr davon, was der Autor glaubt, dass Bowie getan oder gedacht haben könnte, als um das Buch, das doch in der Kapitelüberschrift steht. Last Exit to Brooklyn, einen meiner absoluten Favoriten auf dieser Welt, so abgehandelt und in den Hintergrund gerückt zu sehen, hat mich wirklich enttäuscht.

Dazu kommt die Eigenart des Autors, von weißen Menschen und Schwarzen Menschen zu sprechen. Genau so. Kleines w, großes S. Es ist nichts Großes, aber es irritiert mich beim Lesen dann doch. Als sei dunkle Haut eine Art Eigenmarke, die man besonders hervorheben muss…

Trotzdem habe ich eine ganze Liste an Büchern aus dieser Lektüre mitgenommen, die ich irgendwann unbedingt lesen möchte. Wenn es Bowie beeindruckt hat, ist es aller Wahrscheinlichkeit nach wirklich beeindrucken, oder?

Der Buchspazierer (Carsten Henn)

Erscheinungsjahr: 2020
Genre: (Gesellschafts-)Roman

Der alte Carl Kollhoff liefert bestellte Bücher aus – und zwar persönlich. Jeden Abend dreht er seine Runde durch die Stadt. Sein Leben besteht praktisch aus dieser Aufgabe und aus der Literatur, die er verteilt. Seinen Kund*innen hat er längst Namen aus der klassischen Literatur gegeben. Bis eines Tages die neunjährige Schascha beschließt, ihn zu begleiten, und ihn mit ihrer ungestümen, fröhlichen Art den einen oder anderen eingefahrenen Weg verlassen lässt…

Ein Buch darüber, wie Bücher das Leben verändern können! Schon vom ersten Kapitel an war ich vollkommen gefesselt, versunken in eine Geschichte, die Geschichten so hoch schätzt wie sonst nichts. Beim Lesen lernt man nicht nur Carl kennen, der auf seine etwas verschrobene, vereinsamte Art ein sehr liebenswerter Mensch ist, sondern auch Schascha als aufgeweckten Kontrast zu ihm und natürlich seine Stammkund*innen: Effie Briest und Herkules, Mr. Darcy und Doktor Faustus, Frau Langstrumpf und den Vorleser und noch mehr. Jede*r von ihnen ist ein ausgereifter Charakter mit eigener Geschichte – und diese Geschichten erfährt man beim Lesen auch, denn das Buch wird von einem auktorialen Erzähler erzählt. Wirklich ganz spannend, ganz fesselnd und eine Eigenart, die mir so deutlich noch nie aufgefallen ist.

Ich habe das Buch innerhalb weniger Stunden durchgelesen, mit allen Figuren mitgelitten und mitgefiebert und bin noch ganz berauscht von der positiven Energie, die einen trotz aller Schicksalsschläge von den Seiten (und ganz besonders von Schascha) nur so anspringt.

Achtsam morden (Karsten Dusse)

Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Humor

Zur Rettung seiner Ehe wird der erfolgreiche Strafverteidiger Björn Diemel von seiner Frau zu einem Achtsamkeitscoach geschickt. Der Kurs verändert sein gesamtes Leben, besonders, als er einen nervtötenden Mandanten aus dem Drogen- und Zuhältermilieu in einer Mischung aus Achtsamkeit und Achtlosigkeit einfach umbringt. Leider findet er sich dadurch in der misslichen Lage, dass das gesamte Verbrechersyndikat inklusiver konkurrierender Banden ihm nach dem Leben trachtet… Doch das ist nichts, was man mit Achtsamkeit und kühler Logik nicht in den Griff bekäme.

Dieses Buch ist gleichzeitig ein Loblied auf Achtsamkeit und eine Demonstration dessen, was passiert, wenn Logik den gesunden Menschenverstand überholt. Unglaublich witzig geschrieben, voller schwarzem Humor und skurrilem Sinn. Die Charaktere sind nachvollziehbar und wenn schon nicht unbedingt vielschichtig, so doch wirklich unterhaltsam. Ein ganz grandioser Beweis dafür, dass man sich jede Situation irgendwie zurechtbiegen und jedes Handeln moralisch rechtfertigen kann, wenn man nur mit der richtigen Einstellung darangeht.

Vielleicht lässt sich sogar das eine oder andere daraus lernen. Nicht unbedingt, wie man seinen Boss umbringt… Eher, dass man mit seinem eigenen Leben etwas entspannter umgehen sollte, statt sich in Probleme hineinzusteigern. Und natürlich, wann es sinnvoll ist, Anweisungen Wort für Wort zu befolgen – und wann nicht.

Wasteland (Judith C. Vogt, Christian Vogt)

Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dystopie

Kriege und biologische Kampfstoffe haben die Menschheit gehörig dezimiert und die Welt in einen Flickenteppich aus bewohnbaren, von gewalttätigen Gangs beherrschten Arealen und dem „Ödland“ gemacht, das niemand betreten kann, ohne sich mit der dort grassierenden Seuche zu infizieren. (Klingt soweit schonmal nach etwas, das Menschen machen würden.)

In dieser Welt lebt Laylay, die als einzige immun gegen die Seuche ist, und reist mit ihrem Vater von Ort zu Ort. Dabei kehren sie immer wieder an gewisse Orte zurück, wo man ihnen freundlich gesonnen ist. So kommt es auch, dass sie zur Stelle sind, als Zeeto im Ödland ein lebendiges Baby findet – und sich natürlich dabei mit der Seuche infiziert. In der Folge setzen sie alles daran, Zeetos Überleben zu sichern und herauszufinden, wie es sein kann, dass dieses Baby nicht stirbt. Und dann geht es noch um Gangkriege, eine Entführung, eine Liebesgeschichte und die schwierige Beziehung zwischen Laylay und ihrem Vater.

Es ist einfach so unglaublich viel Plot, der hier in ein einziges Buch gequetscht wurde. Alles davon hätte es verdient, genauer unter die Lupe genommen zu werden, das einzige, was wirklich zur Genüge und vielleicht etwas über Gebühr beschrieben wurde, ist die depressive Phase von Zeetos bipolarer Störung. Die ist aber anständig getroffen.

Anfang und Ende sind wirklich vollgeproppt mit Action. Dafür passiert im Mittelteil … nichts. Zumindest nichts, was den Plot irgendwie vorantreibt, und das Ende ist dann unglaublich überhetzt und auch ein bisschen zusammengestückelt. Der ewige Wechsel zwischen den Erzählzeiten hat mich auch irre gemacht.

Und trotzdem habe ich mich gut unterhalten gefühlt. Weil weder Laylay noch Zeeto sich ernst nehmen, weil das ganze Buch nicht das Gefühl vermittelt, sich allzu ernst zu nehmen. Es ist witzige Unterhaltung im Endzeit-Stil, eine abgedrehte Idee nach der nächsten, das Buch liest sich angenehm schnell weg und hat mich öfters zum Grinsen gebracht. Erwähnenswert ist hier vielleicht noch die absolut gendergerechte Sprache, vom Autorenpaar wunderbar unkompliziert und selbstverständlich verwendet.

Zusammenfassend lässt sich sagen, es war witzig, auch wenn’s zu viel grobe Ideen und zu wenig Details waren.

The Witcher – The Time of Contempt (Andrzej Sapkowski)

Originaltitel/Deutscher Titel: Czas Pogardy/Die Zeit der Verachtung
Erscheinungsjahr: 1995
Genre: Fantasy

Es geht also weiter mit dem Hexer und wieder einmal beginnt dieses Buch an einer Stelle und endet ganz woanders, wo man nie gedacht hätte, hinzugelangen. Das ist schon wirklich spannend gemacht.

Weiterhin wird Jagd gemacht, sowohl auf Geralt als auch auf die junge Ciri. Weiterhin versuchen Geralt und Yennefer, Ciri vor allem Übel und zu bewahren. Natürlich – so viel sei schonmal verraten – kriegen sie es nicht besonders gut hin. Dazu kommt die andauernde Bedrohung durch das kriegerische Nilfgaard.

Die Charaktere sind größtenteils aus den vorigen Bänden bekannt. Persönlich fand ich es sehr schade, in diesem Buch nicht wieder die Freude von Triss‘ Erzählperspektive zu haben, aber Dandelion und Geralt entschädigen da schon für. Größtenteils erlebt man die Geschehnisse aber aus Ciris Perspektive.

Der Schreibstil ist bekanntermaßen ungewöhnlich. Sapkowski erzählt viel über Dialoge und wenig, indem er es tatsächlich beschreibt, das Allermeiste muss man sich beim Lesen erschließen. Außerdem legt er sich nicht auf einen Erzählmodus fest, schreibt immer wieder einige Sätze mit auktorialem und dann wieder welche mit personalem Erzähler, das bringt mich schonmal durcheinander. Dazu kommen dann Kapitel, die einfach kein Ende nehmen und die man gut und gerne in mehrere Kapitel hätte aufteilen können, und so unfassbar viele Namen, dass ich schon während der Versammlung der Zauberer den Überblick verloren hatte, wer da wie mit wem in welcher Verbindung steht. Von den Königen und deren Reichen will ich mal gar nicht anfangen. In der ersten Hälfte des Buches passiert recht wenig, dann gibt es ein Kapitel voll mit so viel Action, dass mir der Kopf schwirrte, und danach verlangsamt das Erzähltempo sich wieder ziemlich.

Inhaltlich ist dieses Buch wirklich gut, die erzählte Geschichte ist spannend, die Charaktere jede*r für sich liebens- und bewundernswert, nur schreibhandwerklich lässt es mich die Stirn runzeln.

Die Aussicht auf BUNT (Mirjam Wicki)

Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Entwicklungsroman

Wie schon beim Vorgängerroman Die andere Seite von SCHWARZ fällt es mir auch bei diesem Buch nicht leicht, eine Rezension zu schreiben. Warum? Weil ich genau weiß, dass ich mit meinen Worten nie das Gefühl einfangen werde, das ich beim Lesen hatte. Weil dieses Buch mich so berührt und verzaubert und mitgenommen hat, dass ich es gar nicht richtig beschreiben kann.

Die frisch gebackene Familie Skogstad steht vor neuen Herausforderungen – und vor alten. Der ewige Kampf gegen Ians Depressionen, sein Umgang mit seinem Kindheitstrauma, die Angst vor schlechten Zeiten. Alexas bedingungslose Selbstaufopferung, ihre Bereitschaft, mit dem Mann an ihrer Seite gegen jede dunkle Phase zu kämpfen. Beider Liebe zum endlich geborenen Krümelchen, auf das ich mich schon die ganze Zeit gefreut habe. Die neuen Sorgen, die ein Baby eben so mit sich bringt.

Die Themen sind harter Tobak, das ist klar. Missbrauch, Depressionen, Alkohol, Trauma, Flashbacks, Panikattacken… Mirjam fürchtet sich wirklich nicht davor, Dinge beim Namen zu nennen, und das finde ich großartig. Großartig auch ihre unfassbar sensible und trotzdem so realistische Art, damit umzugehen. Wie schon im ersten Band konnte ich sehr gut mitfühlen, mitleiden und mich sowohl mit Ian als auch mit Alexa identifizieren – ich kenne eben beide Sichtweisen recht gut und kann daher auch sagen, dass beide extrem gut getroffen sind.

Mirjams Schreibstil tut das Übrige. Mit ganz schlichten Worten erschafft sie ganz große Gefühle, erzeugt Gänsehaut und auch das eine oder andere Tränchen. Die Aussicht auf BUNT ist kein Buch, das man mal eben so nebenbei lesen kann – schon deswegen, weil man es, hat man einmal angefangen, gar nicht mehr weglegen will. Aber auch, weil es so intensiv ist, lehrreich, abschreckend, erschreckend und beeindruckend.

Ich habe mich unglaublich auf dieses Buch gefreut und habe genau das mitreißende, erschütternde und grandiose Leseerlebnis bekommen, auf das ich gehofft hatte.

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