Bücher des Monats Juni

Der Wal und das Ende der Welt (John Ironmonger)

Originaltitel: Not Forgetting The Whale
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Contemporary Fiction/Dystopie

In dem beschaulichen, etwas weltfremden Dörfchen St. Piran an der englischen Küste wird ein nackter Mann angespült. Sein Name ist Joe Haak und er ist vor einer beruflichen Katastrophe geflohen. Am nächsten Tag strandet ein Wal, und so nimmt das Schicksal seinen Lauf…

Was sich zuerst wie eine etwas wirre Geschichte ohne richtiges Ziel liest, wird etwa ab der Hälfte zu einem packenden Werk über die menschliche Natur, Egoismus und Nachbarschaftshilfe und ja, über eine verdammte Pandemie. Vor dem Hintergrund der aktuellen Geschehnisse liest dieses Buch sich besonders gut.

Erzählt wird in zwei Hauptsträngen. Einmal geht es um Joe, der in St. Piran gestrandet ist und nach dem hektischen Leben in London erstmals lernt, was es bedeutet, in einer Gemeinschaft zu leben. Und dann geht es darum, wie er dorthin kam. Um das Computerprogramm Cassie, das die wirtschaftliche Zukunft vorhersagen kann. Und darum, dass Cassie schließlich den Zusammenbruch der gesamten Gesellschaft prophezeit. Jetzt ist es an Joe, seine neu gefundene Heimat zu beschützen.

Bald schon geht es den Menschen in St. Piran um nichts weniger als das nackte Überleben. Was vor anderthalb Jahren vielleicht noch übertrieben und extrem pessimistisch gewirkt hätte, ist zu Teilen in den letzten Monaten Realität geworden – Hamsterkäufe, Panik, stetig steigende Todeszahlen, soziale Isolation, Quarantäne, Informationsmangel… Vieles von dem, was im Buch passiert, ist uns erspart geblieben, aber es hätte passieren können.

Und so erzählt Ironmonger hier eine Geschichte von Menschlichkeit in Zeiten der Angst, von Freundschaft und Vertrauen in Zeiten, in denen man nicht weiß, wem man noch vertrauen kann, gespickt mit etwas überzogenen, dafür aber originellen Charakteren und ganz viel Philosophie. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt – aber auch zum Schmunzeln.

Schockraum (Tobias Schlegl)

Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Contemporary Fiction

Nichts funktioniert mehr im Leben von Notfallsanitäter Kim. Die Freundin ist weg, die Mutter des besten Kumpels hat Krebs, auf der Arbeit ist er unkonzentriert und unzuverlässig, hat einen Tinnitus und nachts plagt ihn immer wieder derselbe Albtraum. Mit anderen Worten: Kim ist am Arsch. Und trotzdem geht das Leben ja weiter. Der Job, vor allem. Trotzdem muss er jeden Tag wieder in den RTW steigen, um Menschenleben zu retten – bis er bei einem Einsatz zusammenbricht.

Dieses Buch ist brutal ehrlich und leider etwas zu pessimistisch für meinen Geschmack. Ich habe es in einem Rutsch durchgelesen und kann mich nicht richtig entscheiden, ob ich es gut oder katastrophal finde.

Es geht nicht nur um das Trauma, das Kim verfolgt und ihm das Leben zu ruinieren droht. Es geht auch darum, wie in dieser Welt mit Rettungspersonal umgegangen wird, um Respektlosigkeit, Gefahr und Überarbeitung. Darum, dass man so einen Job immer ein bisschen über das eigene Leben stellt. Und immer wieder um die Frage: Warum tue ich mir den Scheiß überhaupt an?

Wer im Gesundheitswesen arbeitet – Rettungskräfte, Ärzt*innen, Pflegende – nimmt das eine oder andere Trauma mit. Einige der Traumata sind schlimmer als andere. Einige kann man mit sich selbst ausmachen, kann sie wegarbeiten und einfach darauf warten, dass das Leben wieder seinen gewohnten Gang geht. Andere sind so furchtbar, dass man eben nicht alleine damit klarkommt. Es gehört gewissermaßen zum Berufsrisiko, nur sagt einem das niemand, wenn man anfängt. Man weiß, was für Dienstzeiten auf einen zukommen und dass der Job hart ist, aber keiner stellt sich hin und sagt dir beim Einstellungsgespräch: „Und du wirst früher oder später schreckliche Sachen sehen, die du nie vergessen wirst, Bilder, die du nie aus dem Kopf kriegen wirst.“

ABER. Man kann damit umgehen. Es ist möglich, damit zurechtzukommen. Und nicht nur, indem man emotional abstumpft, wie dieses Buch leider suggeriert. Die Arbeit im Gesundheitssystem besteht nicht nur aus schlimmen, anstrengenden, beschissenen Diensten, ganz im Gegenteil.

Und wenn man dann doch etwas Traumatisches erlebt, was nicht ausbleibt, dann hilft nur eins: darüber reden. Was passiert, wenn man das nicht tut, wenn man versucht, die großen, schlimmen Traumata mit sich selbst auszumachen, das zeigt dieses Buch sehr deutlich.

Der Schreibstil ist schlicht, es wird nichts beschönigt. Kims verknappte Ausdrucksweise passt gut und liest sich flüssig weg. Gegen Ende hin ging mir alles etwas zu schnell, es wirkte doch sehr gehetzt.

Und. Spoiler.

Ich finde es so, so schade, dass dieses Buch mit einer Flucht Kims vor dem Job enden muss. Die angesprochenen Themen sind so wichtig. Der Beruf ist so bedeutend. Ist es wirklich nötig, ihn als etwas hinzustellen, das einen zwangsläufig zerbricht? Dass einem am Ende nur die Optionen „Emotionale Abstumpfung“ und „Kündigung“ bleiben? Das ist nicht fair und wird den Notfallsanitätern dieser Welt nicht im Geringsten gerecht. Außerdem kann ein kleines Abenteuer mit einer Öko-Aktivistin keine Therapie ersetzen, verdammt. So einfach ist es nicht. Von jemandem, der selber Sanitäter ist, hätte ich da wirklich mehr erwartet.

Wisst ihr, wie man diesen Job wirklich niemandem schmackhaft machen kann? Mit einem Buch wie diesem hier.

Fingerhut-Sommer (Ben Aaronovitch)

Originaltitel: Foxglove Summer
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Urban Fantasy

Die Serie um Zauberlehrling und Police Constable Peter Grant geht in die nächste Runde. Dieses Mal verschlägt es ihn aufs Land, wo zwei Mädchen verschwunden sind – und es ist natürlich Magie im Spiel.

Das Buch ist Terry Pratchett gewidmet und wirkt ein bisschen wie eine Notlösung, weil Aaronovitch nichts einfiel, um den eigentlichen Plot – ihr wisst schon, der Gesichtslose, Lesley und ihr Gesicht und so Sachen – voranzutreiben. Ein kleines Nebengeplänkel auf dem Land, ein Mittsommernachtstraum für Peter und Beverly und die Lesenden. Dafür liest es sich aber ganz herrlich und ist tatsächlich voller Anlehnungen an Pratchett. Die Bienen sind nur der Anfang.

Ausnahmsweise muss Peter mal richtig ermitteln, statt nur Frauen auf die Brüste zu gucken. Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis richtig Magie ins Spiel kommt – dann aber so viel auf einmal, dass einem ein bisschen schwindlig werden kann. Die Handlung beginnt gemächlich und nimmt dann im letzten Drittel ernsthaft Fahrt auf, bis sie in ein ziemlich abgehacktes Ende gipfelt, aus dem man wirklich mehr hätte machen können. Trotzdem hat das Lesen großen Spaß gemacht! Ein bisschen wie Urlaub. Von der Realität und auch von den oft so verschwurbelten Handlungen in den anderen Peter Grant-Büchern.

Miss Benson’s Beetle (Rachel Joyce)

Deutscher Titel: Miss Bensons Reise
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: (Abenteuer-)Roman

Es ist 1950. Der Krieg ist gerade vorbei; die harten Zeiten noch nicht. Margery Benson hat seit ihrer Kindheit einen Traum: sie will den goldenen Käfer von Neukaledonien finden. In einer Übersprungshandlung kündigt sie mit fast 50 Jahren ihren Beruf als Hauswirtschaftslehrerin und macht sich auf die Reise. Die junge Enid Pretty ist so gar nicht die Person, die sie sich als Assistentin ausgesucht hätte, doch die Umstände zwingen sie, die überdrehte, sprunghafte Frau mitzunehmen.

Zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können, reisen also um die ganze Welt, um einem Gerücht nachzujagen. Margery verabscheut Enid, doch die lässt sich davon nicht abbringen, denn sie flieht vor ihrer Vergangenheit – und wo kann man sich besser vor Konsequenzen verstecken als am Ende der Welt?

Hitze, Moskitos, Unwetter, verlorenes Gepäck, ein Hund und eine Schwangerschaft schweißen die beiden Frauen zusammen. Sie verfolgen gemeinsam ihre Träume, kämpfen gegen die Unbillen des Lebens und erarbeiten sich jede auf ihre Weise den Weg in die Emanzipation.

Das klingt alles ganz grandios, und tatsächlich war ich anfangs begeistert, dass es mal eine Heldin gibt, die nicht jung, schlank und hübsch ist. Der Cast ist wundervoll originell und ungewöhnlich, aber leider auch so überzeichnet, dass die meisten Figuren mir nach wenigen Kapiteln auf die Nerven gehen. Länger als ein paar Kapitel am Stück konnte ich nicht lesen, obwohl die erzählte Geschichte wirklich klasse ist.

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