Die Reise auf den Olymp

Momentan habe ich ziemlich viel um die Ohren und deswegen nicht die Zeit, diesen Blog so zu pflegen, wie ich gern würde. Trotzdem dachte ich, ich lasse zur Feier des Wochenendes eine kleine Geschichte da, die ich irgendwann im letzten Jahr geschrieben habe und die vielleicht den einen oder anderen zum Schmunzeln bringt.

Die Reise auf den Olymp

Es war das fünfte Jahrhundert vor Christus. Natürlich würde das hier niemand so ausdrücken, schließlich lag die Geburt des Heilands noch in weiter Ferne und keiner interessierte sich dafür; die Information dient hier lediglich der groben zeitlichen Einordnung. Für die geographische Orientierung sei das als Olymp bezeichnete Gebirge genannt.

Der angehende Philosoph Sílas stapfte unermüdlich bergauf. Griechenland zeichnete sich für gewöhnlich durch ein angenehmes Klima aus, doch hier in den Bergen war es bitterkalt. Längst hatte er die Schneegrenze erreicht und seine Sandalen gegen solideres Schuhwerk getauscht. Abgesehen von einem Esel, der seine Decke und seine knappen Vorräte trug, war er alleine.
Der Grund für Sílas` Besuch in den Bergen war ein ganz einfacher: er war sehr praktisch veranlagt für einen Philosophen, was einer zukünftigen Karriere im Weg stehen mochte. Wenn zuhause in einschlägigen Kneipen über das Wesen der Wahrheit, den Sinn des Lebens und Glück und Unglück gesprochen wurde, saß Sílas meistens still am Rand der Gesellschaft und wartete, bis die Diskussion sich wieder der Politik zuwandte. Da konnte man neue Ideen wenigstens ausprobieren.
In letzter Zeit war es in den Kneipen und bei den Abendessen der Philosophen viel um Götter gegangen. Existierten sie wirklich, und wenn Ja, waren sie anbetungswürdig? Sílas hatte sich diese Diskussionen eine zeitlang angehört und dann beschlossen, nachzusehen. Der Olymp, der sagenumwobene Sitz der Götter, lag schließlich fast vor der Haustür, und in den letzten hundert Jahren war niemand auf die Idee gekommen, mal hochzuklettern und zu schauen, ob die Götter wirklich dort saßen. Typisch menschlich.
Sílas war seit Tagen unterwegs. Der höchste Gipfel musste es sein, das war ja wohl klar. Was ein allmächtiger Gott war, gab sich nicht mit dem zweit- oder dritthöchsten Gipfel zufrieden. Der Esel stapfte geduldig hinter seinem Herrn her und ärgerte sich über dessen Eile. Überall roch er Pflanzen, die er noch nie gerochen hatte, und er hätte gerne ein paar davon aus dem Schnee gescharrt und probiert, doch der Mensch zerrte ihn jedes Mal resolut weiter. Wenn das so weiterging, würde er irgendwann einfach stehen bleiben und sich mit der für Esel typischen Sturheit weigern, einen einzigen Meter weiter zu gehen.

Auf dem höchsten Gipfel beobachtete man Sílas` Nahen mit Sorge. „So was sollte nicht passieren“, murmelte Zeus. Der Gott hatte Sílas` Bild in einer silbernen Schale voller Quellwasser beschworen. „Das ist völlig falsch. Warum tut er das?“
Athene beugte sich über seine Schulter. „Ich glaube, er ist einfach neugierig.“
„Neugierig“, schnaubte Zeus. „Man kann ja neugierig sein, aber deswegen erklettert man doch nicht gleich den Olymp!“
„Ich könnte ihn stoppen“, schlug Artemis vor und legte demonstrativ die Hand auf ihren Bogen. „Keine große Sache.“
„Keine große Sache? Natürlich wäre das eine große Sache! Wenn irgendwer erfährt, dass wir unsere eigenen Gläubigen umbringen, nur, weil sie neugierig sind…“ Zeus schüttelte den Kopf. „Nein, das ist nicht gut. Stell dir vor, du schießt daneben. Er wird schnurstracks zurück in die Stadt laufen und allen erzählen, dass wir hier oben sind, und ehe du dich versiehst, werden wir von Menschen überrannt.“
„Ich schieße nie daneben“, beschwerte Artemis sich.
„Wir müssten umziehen“, stöhnte Hera. „Bitte nicht schon wieder. Das letzte Mal war chaotisch genug.“
„Es wäre einfacher gewesen, wenn gewisse Gottheiten nicht so viele Klamotten hätten, ganz zu schweigen von diesem dämlichen Füllhorn“, wisperte Ares Apollon zu und fing sich dafür einen bösen Blick von Demeter ein.
Die Götter hatten sich auf dem Olymp gut eingelebt. Es war bequem, mit ein bisschen göttlicher Allmacht konnte man sich das Wetter so zurechtbiegen, dass niemand in den dünnen Togen fror, und die Menschen waren erfreulich weit weg. Gelegentlich besuchte einer von ihnen die Welt der Anbeter, zeigte sich in imposanten Formen und zeugte, in Zeus` Fall, das eine oder andere uneheliche Kind. Aber im Großen und Ganzen waren sie zufrieden damit, sich hier oben auf gemütlichen Liegen zu entspannen, gutes Essen zu genießen und die Religion da unten eben Religion sein zu lassen. Menschen brauchten ihre Götter nicht zu sehen, um an sie zu glauben, das war einer der größten Vorteile dieser Spezies. Man schleuderte gelegentlich einen Blitz, und die menschliche Fantasie erledigte den Rest.
„Lassen wir ihn kommen“, schlug Athene vor. „Forschergeist sollte belohnt werden.“
Ares zog die Augenbrauen hoch. „Bist du bescheuert?“ Er schüttelte den Kopf und warf eine Weintraube nach Zeus. „Wie wäre es stattdessen mit einem gut gezielten Blitz, hm? Ist doch angeblich deine Spezialität.“
Zeus wich seinem Blick aus. „Ja, natürlich“, bestätigte er missmutig. „Aber der Kerl ist schon so nah bei uns, wenn ich jetzt einen Blitz werfe, sprenge ich vielleicht den halben Berg. Das ist es nicht wert. Außerdem habe ich es doch grade gesagt, wir wollen ihn nicht töten. Du hörst mir nie zu“
„Es gehört sich nicht, einfach zu seinen Göttern zu marschieren und einen Beweis ihrer Existenz zu fordern“, schniefte Demeter. „Wo kämen wir hin, wenn das jeder täte?“
Alle gaben sich kurz dieser Vorstellung hin. Es würde bedeuten, sich den ganzen Tag göttlich zu verhalten. Wie anstrengend. „Wir hätten den Weg zerstören sollen“, sagte Hera. „Wir hätten gar nicht erst einen Weg anlegen sollen! Das ist ja praktisch wie eine Einladung.“
„Ja“, murmelte Apollon. „Aber wir hätten wir dann die Kisten mit den Klamotten hier hochbekommen sollen?“
Hermes kicherte und schlug schnell eine Hand vor den Mund, um es zu verbergen.
„Er kommt immer näher“, murmelte Zeus. „Gut, soll er einen Blick auf seine Götter erhaschen. Wir müssen nur dafür sorgen, dass er niemandem davon erzählen kann, und das werden wir wohl hinkriegen. Wir sind die Olympioi!“ Beifall haschend sah er in die Runde. „Seid ihr dabei?“
Verlegene Blicke wurden gewechselt, einige Stimmen murmelten, ja, ja, natürlich sei man dabei. Zeus war kein schlechter Anführer, aber gelegentlich konnte er doch peinlich sein. 

Sílas legte eine kurze Pause ein, um etwas zu essen, und genoss dabei die Aussicht. Allein dafür hatte die Reise sich gelohnt! Er sammelte ganz neue Erkenntnisse, darunter das neu erworbene Wissen, dass man Esel nicht zwingen konnte, sich zu bewegen. Das Tier scharrte mit dem Vorderhuf im Schnee und legte halb erfrorenes Gras frei, an dem es knabberte. Sílas hoffte, es möge sich beeilen, denn eigentlich war ihm gar nicht nach einer Pause zumute. Er wollte weitergehen. Es war nicht mehr weit, wenn er sich anstrengte und die Augen gegen das grelle Sonnenlicht zusammenkniff, konnte er den Gipfel schon erahnen. Der Aufstieg war erstaunlich leicht gewesen bisher, er hatte mit mehr schroffen Abhängen gerechnet. Es wirkte fast, als wollten die Götter besucht werden. Vielleicht hofften sie seit Jahrhunderten, dass endlich einer ihrer Gläubiger wahren Glauben bewies und hier hochkam! Schade für sie, dass Sílas nur ein echter Zweifler war. Außerdem hatte er im letzten Jahr sehr unter den weit verbreiteten Missernten gelitten. Wenn er schon hier hoch kam, konnte er auch die Verantwortlichen um eine Stellungnahme bitten.
Schließlich war der Esel bereit, die Reise fortzusetzen. Es ging steil bergauf, und schon bald stand Sílas der Schweiß auf der Stirn. Körperliche Ertüchtigung hatte in Griechenland natürlich Priorität, und trotzdem schnaufte der angehende Philosoph laut. Die Hitze staute sich unter seinem Mantel. Ob es ratsam war, das dicke Kleidungsstück abzulegen, oder würde er sich dann erkälten? Aber es war wirklich warm. Er musste so weit oben sein, dass die Wärme der Sonne zu spüren war. Wenn er das zuhause erzählte!
Mit jeder verstreichenden Stunde wurde es wärmer. Irgendwann zog Sílas seinen Mantel aus und warf ihn auf den Rücken des Esels, der kurz überlegte, wegen der zusätzlichen Last zu protestieren. Der Schnee wurde zu Matsch und schließlich hatte Sílas sattgrünes Gras unter den Sohlen. Er legte erneut eine Pause ein, weil der Esel sich gierig darüber hermachte, und tauschte die Stiefel wieder gegen seine Sandalen. War das die Sonne oder die Präsenz der Götter, die hier den Schnee schmelzen und Gras sprießen ließ, wo er nackten Felsen erwartet hatte?
Weiter bergauf ging es, vorbei an Bäumen voller reifer Früchte und zwischen dekorativen und intensiv duftenden Blumen hindurch. Instinktiv achtete Sílas darauf, keine davon zu zertreten. Es machte bestimmt keinen guten Eindruck, den Sitz der Götter zu betreten, nachdem man ihren Garten verwüstet hatte. Denn dass hier oben tatsächlich Götter sein mussten, davon war Sílas überzeugt. Niemand sonst konnte Bäume dazu bringen, in luftiger Höhe auf Felsen zu wurzeln.
Vielleicht hätte er eine kleine Opfergabe mitbringen sollen.
Unsinn, rief er sich selbst zur Ordnung. Die Götter waren allmächtig, und sie hatten sich für ziemlich viel Mist zu verantworten, der dort unten vor sich ging – Hunger, Krankheit, totgeborene Kinder, die Leiden der Zivilisation, sture Esel. Es gab keinen Grund, ihnen auch noch zu schmeicheln.
Im Geist sah Sílas sich schon in seiner Stammkneipe sitzen, umringt von Philosophen, die ihn als Held feierten – der Mann, der die Götter nicht nur gefunden hatte, sondern sie auch noch dazu gebracht hatte, das Leben der Menschen erträglicher zu gestalten! Er würde nie wieder ein Bier selber bezahlen müssen.
Ein Räuspern ließ ihn zusammenfahren und innehalten. So vertieft war er in seine Gedanken gewesen, dass er den jungen Mann nicht bemerkt hatte, der auf einem Felsen saß und aussah, als hätte er sich in seinem Leben noch nie Sorgen machen müssen. Seine Jugend und die Flügel an seinem Helm verrieten seine Identität – niemand anderes als Hermes war gekommen, um den Philosophen zu begrüßen.
Sílas blieb stehen. Was jetzt? War eine Verbeugung angemessen? Er versuchte es damit und blickte dann hoffnungsvoll zu dem Gott.
Der stand auf, streckte sich wie eine Katze, die zu lange in der Sonne gelegen hat, kratzte sich in einer nicht sehr göttlichen Geste hinterm Ohr und sagte salbungsvoll: „Ich bin Hermes, der Götterbote.“
„Ja, ich weiß“, erwiderte Sílas.
„Ich verkünde den Sterblichen Zeus` Beschlüsse“, fuhr Hermes fort.
„Ich weiß“, wiederholte Sílas. Hielt der Gott ihn für dumm? „Ich kenne die ganzen Geschichten.“
Hermes ignorierte ihn. „Ich bin der Sohn des Zeus und der Maia. Ich geleite die Seelen der Sterblichen in die Unterwelt!“ Er räusperte sich und schien den Menschen jetzt zum ersten Mal richtig wahrzunehmen. „Und ich darf dich vor deine Götter führen, das ist auch keine Aufgabe, die ich mir ausgesucht hätte.“
Sílas schluckte aufgeregt. Es gab sie wirklich, die Götter, sie lebten auf dem Olymp inmitten eines Paradieses, und sie wollten ihn sprechen, hatten eigens einen der Ihren ausgesandt, um ihn zu begrüßen! Das konnte keiner der Philosophen aus der Kneipe von sich behaupten. Mit stolz geschwellter Brust folgte er dem jungen Gott, als dieser sich umwandte und weiter bergan schritt.
Zumindest wollte er ihm folgen. Doch der Esel hatte nun endgültig genug, stemmte die Vorderbeine in den Boden und schenkte dem Menschen, der da an seiner Leine zerrte, einen hochmütigen Blick. „Komm schon“, bettelte Sílas. Da war er so weit gekommen, und jetzt versagte ihm sein Lasttier unter den Augen eines Gottes den Dienst. Wie unangenehm.
Errötend drehte der Philosoph sich zu Hermes um und stellte fest, dass der Gott ihn amüsiert musterte. „Ich glaube, dein Esel wird sich nicht bewegen, und wenn du noch so sehr am Strick ziehst“, spekulierte der Götterbote. „Lass ihn hier.“
„Kann ich ihn irgendwo anbinden?“
Hermes lächelte nachsichtig. „Mach dir keine Sorgen. Er wird schon nicht weglaufen.“
Da war Sílas sich nicht so sicher, schließlich hatte das Tier sich bisher nicht gerade als verlässlich erwiesen. Aber wer war er, einem Gott zu widersprechen? Achselzuckend ließ er den Strick los und drohte dem Esel mit dem Finger: „Wehe, du bist nicht mehr hier, wenn ich zurückkomme!“
Der Esel blieb völlig unbeeindruckt.
Hermes ging wieder los, gefolgt von Sílas. Sie marschierten weiter bergauf, durch saftiges Gras, vorbei an einem kleinen, munter plätschernden Bach, in dem sogar Fische schwammen, und erreichten schließlich ein großes, goldenes Tor in einer Nebelwand. Hermes hielt inne, und Sílas tat es ihm gleich. Wozu brauchte man ein Tor, wenn man keinen Zaun hatte, fragte er sich. Lag darin eine Symbolkraft, die er nicht verstand? Existierte womöglich doch ein Zaun, jedoch in einer Form, die seine sterblichen Augen nicht zu sehen vermochten?
Hermes fluchte im Stillen, als er die Fragen des Menschen wahrnahm. Auf seine Götterkollegen war wirklich kein Verlass. Da wollte man einen imposanten Eingang zum Sitz der Götter errichten, damit der Sterbliche auch angemessen beeindruckt wäre – und dann wurde der Zaun vergessen. Göttlicher Pfusch am Bau.
Dennoch war Hermes entschlossen, angemessen einschüchternd zu wirken. „Du betrittst jetzt den Olymp“, verkündete er mit geschwollener Brust. „Den Sitz deiner Götter. Sei demütig und gibt Acht, was du sagst, Sterblicher!“
„Soll ich die Schuhe ausziehen?“, fragte Sílas.
Irritiert blickte Hermes zu den Sandalen des Philosophen. „Warum?“, fragte er und klang schon weniger wie ein Gott. „Sie sehen gar nicht dreckig aus.“
„Damit ich keinen heiligen Boden entweihe oder so?“, schlug Sílas vor.
Hermes zuckte mit den Schultern. „Meinst du? Ja, gut, wenn du dich damit besser fühlst, zieh sie eben aus.“
Ein bisschen erleichtert, dass er daran gedacht hatte, schlüpfte Sílas aus den Sandalen und ließ sie vor dem Tor stehen. Dann schwangen die mächtigen Gitterstäbe auf und Hermes bedeutete ihm, einzutreten.
Der Nebel war kühl auf der Haut, und als Sílas hindurchgeschritten war, stand er auf dem höchsten Gipfel des Gebirges, und seine Götter blickten ihm entgegen.
Der Sitz der Götter sah aus wie das Innere eines Palastes. Der Boden war mit Marmor ausgelegt, es gab einen Springbrunnen, in dem eine Meerjungfrau unablässig Wasser aus einem Krug ins Auffangbecken gab, mehrere bequem wirkende Sessel und Liegen und natürlich die Götter. Sílas erkannte sie sofort – Zeus, Hera, Demeter, Apollon, Ares, Artemis und Athene. Die Fresken und Mosaike der Menschen trafen sie recht gut; allerdings hatte er angenommen, dass sie größer seien. Die Männer überragten ihn maximal um eine Handbreit, und einige der Frauen waren sogar kleiner als er. War das göttlich? Doch sie alle waren gut gekleidet und so schön, wie man nur sein konnte.
Zeus saß auf einem großen Thron und musterte Sílas von dort. „Tritt näher, Sterblicher“, forderte er mit donnernder Stimme.
Sílas gehorchte. So direkt vor seinen Göttern zu stehen, erfüllte ihn dann doch mit Ehrfurcht, und er kniete nieder. Dabei hatte er sich doch nicht einschüchtern lassen wollen! In seinem Rücken hörte er zwei Frauen kichern, und aus dem Augenwinkel nahm er wahr, dass Ares Apollon etwas zuflüsterte, das den Gott des Lichts breit grinsen ließ.
Dann entstand eine unangenehme Stille. Sílas wartete. Warum sagte niemand etwas? Sicher hatten die Götter schon andere Menschen gesehen. Wurde vielleicht doch eine Opfergabe von ihm erwartet? In einem Heldenepos hätte der Sterbliche jetzt eine Rede gehalten, in eleganter Versform die Schönheit und Klugheit der Götter gepriesen und dann sein Anliegen vorgebracht. Sílas konnte nicht besonders gut dichten, und er hatte auch kein Anliegen. Schließlich konnte er schlecht sagen Oh, gut, ihr existiert also wirklich. Vielen Dank, mehr wollte ich nicht. Könnte mich wohl jemand zu meinem Esel zurückbringen?
„Was willst du?“, fragte Zeus schließlich und klang eher wie ein genervter Lehrer denn wie ein allmächtiger Gott.
„Einen Blick auf meine Götter erhaschen“, antwortete Sílas. Das klang besser als Wissen, ob es euch überhaupt gibt.
Zeus wirkte verwirrt. „Und dafür nimmst du den ganzen Weg auf den Olymp auf dich?“
„Nun… Ja.“
„Steh endlich auf“, seufzte eine Frau. Athene. „Du bist ein Zweifler, Sílas.“
Sie kannte sogar seinen Namen, obwohl er sich nicht vorgestellt hatte. Wenn das nicht göttlich war. „Ich fürchte, das ist wahr“, gab er zu und stand vorsichtig auf. Ihm war ein bisschen schwindlig vor Aufregung. Wie brachte er das Gespräch jetzt auf die Missernten und die Ungerechtigkeit des Daseins?
„Wir schätzen keine Zweifler“, sagte die Göttin. Sie klang freundlich, doch in ihren Augen blitzte etwas auf, das Sílas Angst machte.
„Nein, wir schätzen wirklich keine Zweifler“, echote Zeus. „Warum zweifelst du?“
Da, das war seine Chance! Sílas nahm seinen Mut zusammen und erklärte: „Ich zweifelte an der Existenz der Götter, weil ich nie einen Gott gesehen habe. Ich zweifelte an ihrer Allmacht, weil es auf der Welt so ungerecht zugeht. Was für ein Gott lässt das Getreide auf den Feldern verderben, damit kleine Kinder und alte Frauen sterben? Das fragte ich mich, und um eine Antwort zu erhalten, brach ich auf, um den Olymp zu erklimmen.“ Schön gesagt, befand er bei sich. Rhetorisch sehr ausgefeilt für eine Improvisation.
Die Götter tuschelten. Sie wirkten nicht erfreut, und eine von ihnen – Demeter – sah peinlich berührt aus. „Missernten geschehen“, sagte Zeus laut. „Die Schuld dafür liegt nicht ausschließlich bei den Göttern.“
„Dann seid ihr nicht allmächtig“, schlussfolgerte Sílas, der sich durch seine kleine Rede richtig in Stimmung gebracht hatte. Das hier war besser als die Diskussionen zuhause am Kneipentisch!
„Natürlich sind wir allmächtig“, gab Hera pikiert zurück. „Sieh dich um! Ist dieser Ort nicht Beweis genug für unsere Allmacht?“
„Aber seid ihr nur hier oben allmächtig oder überall?“
„Überall“, schnappte sie. „Deswegen heißt es doch Allmacht.“
„Warum lasst ihr dann die Menschen leiden?“ Sílas drückte die Schultern durch und gab sich Mühe, selbstsicher zu klingen. „Entweder seid ihr gar nicht allmächtig, oder die Menschen sind euch egal, dann seid ihr nicht anbetungswürdig.“
Schlagartig herrschte Stille. Eine schlanke Frau mit einem Bogen auf dem Rücken trat vor – Artemis, die Göttin der Jagd. „Und was davon wäre dir lieber?“
Unschlüssig zuckte Sílas mit den Schultern. Jemand hatte ihm mal gesagt, dass man einen Streit erst beginnen sollte, wenn man eine Antwort auf alle möglichen Fragen gefunden hatte. Er hatte den Philosophenkollegen ausgelacht; jetzt wünschte er, auf ihn gehört zu haben. „Ich bin mir nicht sicher“, gab er zu. „Wenn ihr nicht allmächtig seid, seid ihr dann überhaupt Götter? Was bringt es den Menschen, euch anzubeten und um Hilfe zu flehen, wenn ihr gar nicht in der Lage seid, zu helfen?“
Athene wirkte einigermaßen interessiert an diesen Ausführungen. Der Rest guckte nicht gerade begeistert. Zeus runzelte missbilligend die Stirn; ihm gefiel nicht, worauf dieses Gespräch hinauslief.
„Und wenn ihr doch allmächtig seid, euch das Leid der Menschen, die euch anbeten, aber egal ist, warum sollte euch dann überhaupt jemand anbeten?“, redete Sílas weiter. „Ich glaube, das ist die Frage. Warum sollten wir Menschen euch anbeten?“
Ärgerlich winkte Zeus ab. „Weil wir Götter sind. Was sonst solltet ihr tun?“
„Aber wir haben nichts davon, euch anzubeten“, beharrte Sílas. „Ihr helft uns nicht, weil ihr nicht könnt oder nicht wollt. Daraus kann ich nur die Schlussfolgerung ziehen, dass wir unsere Zeit mit Gebeten verschwenden.“
„Dann hast du deine Zeit mit dieser Reise auch verschwendet“, gab Ares schmollend zurück.  
„Das habe ich nicht“, erwiderte Sílas. Er fühlte sich gut, seine Erkenntnis, dass sich Gebete nicht lohnten, nahm ihm die Ehrfurcht vor den Göttern. Außerdem schien keiner von ihnen einen würdigen Gegner in der Diskussion darzustellen. „Denn jetzt weiß ich, wie es um euch bestellt ist.“
„Und was wirst du mit diesem Wissen machen?“, erkundigte Athene sich.
„Es den Menschen mitteilen!“, antwortete Sílas aufgebracht. „Sie müssen wissen, mit was sie es zu tun haben.“
„Und dann?“
„Werden wir aufhören, zu euch zu beten“, behauptete der Philosoph. In Wahrheit hatte er keine Gewissheit, dass man ihm überhaupt glauben würde. Aber er musste es doch versuchen! „Mit der gewonnenen Zeit können wir viele sinnvollere Dinge anstellen.“
Ares lehnte sich auf seinem Sessel zurück. „Wenn ihr von sinnvollen Dingen sprecht, meint ihr Menschen fast immer Krieg“, sagte er lässig. „Ihr werdet euch gegenseitig abschlachten, und die Überlebenden werden wieder uns gehören.“
„Das werden wir ja sehen.“ Sílas verneigte sich tief. „Ich danke euch für eure Zeit.“ Als er sich zum Gehen wandte, sprangen die Götter alle auf.
Lediglich Zeus blieb sitzen und befahl: „Lasst ihn gehen.“
„Hast du den Verstand verloren?“, zischte Ares. „Damit er da unten erzählt, wir wären machtlose, gleichgültige Despoten?“
Auch andere Stimmen wurden laut. Doch Zeus wischte all ihre Einwände mit einer Handbewegung weg: „Ich sagte, lasst ihn gehen!“
Sílas ging.

Der Abstieg dauerte fast eine Woche und war anstrengender als der Weg nach oben, denn Sílas hatte seinen Esel zwar wiedergefunden, aber nicht dazu bewegen können, das göttliche Paradies zu verlassen und sich erneut durch den Schnee zu kämpfen. Egal, sollte das störrische Vieh doch dort oben bleiben! Sílas wurde angetrieben von seinem rechtschaffenen Zorn auf die Götter und dem Wunsch, seine Erkenntnisse mit den anderen, noch ahnungslosen Menschen zu teilen.
In seiner Stammkneipe wurde er mit großem Gejohle empfangen. „Seht nur, wer wieder da ist!“, rief ein Freund. „Und wir dachten schon, du wärst da oben abgestürzt oder erfroren!“
Allein seine Rückkehr war Grund genug, eine Runde auszugeben. Sílas klopfte laut auf den Tisch, um sich Gehör zu verschaffen, und rief: „Ich habe die Götter gesehen!“
Die versammelten Philosophen verstummten und warfen sich peinlich berührte Blicke zu. Schließlich erbarmte sich einer von ihnen und sprach für alle, als er sagte: „Sìlas, hast du vielleicht ein bisschen zu viel Sonne abbekommen dort oben?“
„Nein!“, protestierte Sìlas. „Ich habe den höchsten Gipfel des Olymp bestiegen und dort die Götter getroffen.“

Zeus schielte an dem Blitz entlang und klemmte die Zunge zwischen die Zähne, um besser zielen zu können.
„Wirf nicht daneben“, warnte Artemis. „Du musst ganz genau treffen.“
„Halt den Mund“, knurrte Zeus. „Ich bin doch nicht blöd.“

„Und, wie waren sie so?“, fragte ein Philosoph spöttisch. „Ich dachte, du glaubst gar nicht an die Götter.“
„Oh, sie existieren“, bestätigte Sìlas. „Aber sie sind anders, als ihr denkt. Wir sollten sie nicht anbeten!“
Das machte die Philosophen dann doch neugierig. Ob die Götter existierten oder nicht, war eine Sache, aber eine Diskussion um den Sinn und Unsinn von Gebeten? Das versprach, ein interessanter Abend zu werden.
Sílas genoss die Aufmerksamkeit. Er holte tief Luft und wollte gerade berichten, wie sein Treffen mit immerhin acht der zwölf olympischen Götter gelaufen war, als der Blitz ihn traf.

„Ich dachte, wir wollten ihn nicht umbringen“, zeterte Hera, die sich die Augen zuhielt. „Da waren wir uns doch einig!“
„Ich habe ihn nicht umgebracht“, fuhr Zeus sie an. „Guck doch erstmal hin, bevor du dich beschwerst!“
Hera blinzelte vorsichtig zwischen ihren Fingern hindurch. „Oh“, sagte sie dann erleichtert. „Gut. Das ist in Ordnung.“
Die olympischen Götter beobachteten, wie Sílas sich mühsam aufrappelte. Er sah ein bisschen verkohlt aus, lebte aber offensichtlich. Die Philosophen umringten ihn, redeten auf ihn ein, brachten ihm Wasser und Bier – aber aus dem benommenen Mann war kein Wort mehr rauszubringen.
„Das waren die Götter“, sagte einer der Philosophen. „Ein Zeichen.“
„Wir sollten Sílas zum Tempel bringen“, schlug ein anderer vor.


Auf dem Olymp lehnte Zeus sich lächelnd zurück. Zumindest in naher Zukunft würden die Gebete nicht weniger werden, und ganz sicher würde kein Mensch sich mehr zu ihnen trauen. Alles ging seinen gewohnten Gang, die Menschen beteten, die Götter konnten sich entspannen. Was wollte man mehr?

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