Bücher des Monats November

Notes on Grief (Chamamande Ngozi Adichie)

Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Essay

Am 10.06.2020, mitten in der Corona-Pandemie, stirbt überraschend der Vater von Chamamanda Ngozi Adichie, der preisgekrönten nigerianischen Schriftstellerin. In diesem 80-seitigen Essay hält sie ihre Gedanken über Trauer fest, gemischt mit Erinnerungen an einen Vater, der ihr alles bedeutet hat.
Ich kenne James Nwoye Adichie nicht, hatte bis zu dieser Lektüre noch nie von ihm gehört. Von dem, was ich lese, muss er ein großer Mann gewesen sein.

Ansonsten hat mich wie immer das unterschiedliche Trauerverhalten in anderen Kulturen fasziniert. Dass dieses Ausleben von Schmerz und Kummer, das hier bei uns als schwach und oftmals übertrieben angesehen ist, anderswo vollkommen normal sein kann, zeigt wieder, wie verschieden Menschen mit Gefühlen umgehen. Der Essay bietet wertvolle Einblicke in eine andere Kultur und zeigt auch, dass am Ende alle Menschen auf dieselbe Weise lieben und leiden – sie zeigen es nur unterschiedlich.

The Deathless Girls (Kiran Millwood Hargrave)

Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Fantasy

Romantisiertes Fahrendes Volk, Dracula und eine zarte Liebesgeschichte – was will man mehr?
Lil und Kizzy sind Zwillinge. Am Tag vor ihrem siebzehnten Geburtstag wird ihr Lager überfallen – die Erwachsenen werden brutal ermordet, die Kinder als Sklaven genommen und auf die Ländereien des Boyars, des Lords der Gegend, gebracht. Dort arbeiten sie in der Küche, müssen sich anpassen, um zu überleben, und hören zum ersten Mal Gerüchte über den „Drachen“, den Prinzen, dem die Ländereien gehören. Er soll ein grausamer Herr sein, der Menschenblut trinkt und Untergebene pfählt. Wer sich ein kleines bisschen in Literatur und Geschichte auskennt, weiß natürlich, wer dieser „Drache“ am Ende ist…

Kizzy und Lil werden getrennt. Kizzy, die schönere, stärkere der beiden Schwestern, soll dem Drachen geopfert werden, um einem jahrhundertealten Nichtangriffspakt zu genügen. Selbstverständlich gelingt es Lil mit der Hilfe einer alten Köchin und des Sklavenmädchens Mira, zu entkommen und Kizzy zu folgen. Der eigentlich spannende Teil, nämlich ihre Reise zum Drachen und was sie dort erleben, nimmt leider nicht mal die Hälfte des Buches ein.

Allgemein ist das Buch vorhersehbar. Wer Bram Stokers Dracula gelesen hat, den kann auch das Ende nicht überraschen. Aber es ist wirklich zauberhaft geschrieben, sehr poetisch, mit ganz viel Liebe und Charakteren, die zum Mitfiebern und Mitträumen einladen. Die Sprache ist ausgesprochen bildhaft und trotz aller Grausamkeit wird es nie obszön. Schade, dass das Ende so abgehackt und gehetzt wirkt.

Trotzdem ein ganz wundervolles Buch zum Träumen und Fantasieren.

Zurück zu mir – eine heilende Begegnung (Laura Malina Seiler)

Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Ratgeber, als Roman getarnt

In Almas Leben läuft einfach alles schief. Das ändert sich, als sie plötzlich ein Notizbuch zugeschickt bekommt, dessen Inhalt in ihrer eigenen Handschrift verfasst ist. Durch ein nicht näher erklärtes Wunder trifft sie ihr „altes weises Ich“, das ihr Schritt für Schritt erklärt, wie sie ihr Leben verbessern kann.

Was klingt wie ein ziemlich witziger Roman, ist leider eine Sammlung von Monologen des „alten weisen Ich“ zum Thema Glücklichsein. Während die erste Hälfte tatsächlich noch halbwegs interessant ist – mir gefällt besonders das Bild des inneren Gartens – und ich daraus auch wirklich Erkenntnisse für mich selber mitnehmen konnte, wird’s ab der zweiten Hälfte ziemlich abstrus spirituell. Das war einfach zu viel für mich.

Vor allem schlägt man nach dem Klappentext das Buch auf und erwartet etwas, das mehr Roman ist als Selbsthilferatgeber. Das ist leider nicht der Fall, und das finde ich sehr schade. Es steckt sicher Weisheit in den enthaltenen Worten, aber wenn man einen Ratgeber schreibt, sollte man ihn auch als Ratgeber verkaufen.

Anna Karenina (Lew Tolstoi)

Originaltitel: Анна Каренина
Erscheinungsjahr: 1877
Genre: Gesellschaftsroman

Anna Karenina – ohne jeden Zweifel eines der großartigsten Bücher, die je geschrieben worden.

Ich liebe dieses Buch schlicht und ergreifend. Es ist zart, wo Zartheit geboten ist, und brutal ehrlich, wo es vonnöten ist. Die Geschichte der russischen Fürstin Anna, die aus ihrem goldenen Käfig, ihrem scheinbar perfekten Eheleben ausbricht, um der Liebe zu folgen… Der junge Lewin, verzweifelt auf der Suche nach der Liebe, einem Sinn im Leben und sich selbst… Das sind nur zwei der ungezählten Charaktere, die hier auftauchen und verzaubern, überraschen und erstaunen, aber sie sind die beiden, die mir persönlich am Wichtigsten sind.

Aber es geht noch um so vieles mehr. Moral und Liebe, Ehrlichkeit und Pflichtgefühl, Hass und das ganze restliche Potpourri der menschlichen Emotionen.

Über den Schreibstil möchte ich mich nicht auslassen – das Buch ist aus dem neunzehnten Jahrhundert. In der Neuübersetzung von Rosemarie Tietze liest es sich wirklich sehr angenehm, und tausendzweihundert Seiten sind vorbei wie nichts.

Was mich immer wieder beeindruckt, ist Tolstois Fähigkeit, sich beispielsweise in eine junge Frau mit Wochenbettdepressionen hineinzuversetzen. Es gelingt ihm mühelos, jeden einzelnen Charakter vielschichtig und nachvollziehbar erscheinen zu lassen, ohne dabei auch nur den kleinsten Aspekt ihrer Persönlichkeiten zu vernachlässigen.

Ein wirkliches Meisterwerk.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s