Die Sache mit der Geduld

„Sie müssen sich ein bisschen Zeit geben. Gesund wird man nicht über Nacht. Erlauben Sie Ihrem Körper, sich in Ruhe zu erholen.“ Wie oft habe ich meinen Patient:innen solche Sätze schon um die Ohren gehauen? Öfter, als ich zählen kann, so viel steht fest.

Wer mich kennt, kann bezeugen, dass ich in der Regel nicht auf meine eigenen Weisheiten höre. Auf diese am allerwenigsten. Viel zu oft gehe ich zur Arbeit, obwohl ich mich noch nicht auskuriert fühle. Statt mich krankschreiben zu lassen, kämpfe ich mich durch meinen Dienst und bin danach total erschöpft. So was verzögert die Genesung natürlich. Vermutlich wäre ich schneller wieder fit, wenn ich einen Tag länger zuhause bliebe. Das weiß ich und trotzdem mache ich es nicht.

Warum? Weil ich von klein auf gelernt habe, dass man Leistung erbringen muss. Ich habe Eltern, die beide immer hundertzehn Prozent in ihren Jobs geben. Man hat mir immer vorgelebt, dass ich zuverlässig und engagiert sein muss, die Arbeit auch mal über das Privatleben stellen und so. Sicher lag es nicht in der Absicht meiner Eltern, dass ich krank arbeiten gehe, weil ich ansonsten ein schlechtes Gewissen bekomme, und ich will ihnen deswegen keinen Vorwurf machen. Trotzdem ist es so und wenn ich mich telefonisch krankmelde, entschuldige ich mich ungefähr fünfzig Prozent des Gesprächs.

Dieses Mal ist es anders, das habe ich mir fest vorgenommen. Corona hat mich ordentlich umgehauen, ich bin jetzt zwar negativ, aber noch nicht wieder fit. Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Husten, Kurzatmigkeit, Schwindel – diesmal kuriere ich mich richtig aus, bevor ich wieder zur Arbeit gehe. Es hat mich große Überwindung gekostet, mich die zweite Woche krankschreiben zu lassen, aber ich halte es für richtig. Am Ende ist niemandem geholfen, wenn ich zu früh wieder losrenne und daraus resultierend nach ein paar Tagen richtig krank bin.

Es fällt mir schwer, mich angemessen zu schonen. Eigentlich könnte ich ziemlich viel machen. Die Wohnung von oben bis unten durchputzen, zum Beispiel, oder Fenster putzen (ja, klar, im Herbst…) oder all meine Nähprojekte realisieren. Ich könnte auch den ganzen Tag schreiben, immerhin ist NaNoWriMo. Ich könnte Yoga machen und lesen und ganz lange Spaziergänge unternehmen, die Kamera im Gepäck.

Für nichts davon habe ich genug Energie, und das frustriert. Ich kann ein bisschen was machen – ein bisschen nähen, ein bisschen putzen, ein bisschen spazieren. Ein bisschen schreiben. Das nervt am Meisten. Der zweite Teil meiner Near Future-Dystopie entfaltet sich unter meinen Händen, und das ist spannend und macht Spaß, aber leider geschieht es in Zeitlupe. Dabei wollte ich diesen Monat mit der Rohfassung fertig werden, um möglichst zeitnah die Überarbeitung des ersten Teils zu beginnen. Stattdessen krieche ich im Schneckentempo vorwärts.

Aber immerhin geht es vorwärts. Ich werde gesund, nur eben im Schneckentempo. Ich schreibe. Ich mache Pläne für die Veröffentlichung von Teil 1. Ich putze die Wohnung. Alles ganz langsam und etappenweise, aber es bewegt sich was.

Das mit der Geduld ist nicht meine Stärke. Aber vielleicht lerne ich es jetzt ja – gaaaaanz langsam.

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